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„Du kannst mehr!“ – Typisch Mädchen? Wohl kaum!

Donnerstag 23. April 2026

Eine Frau mit schwarzem Kopftuch lehnt an einer Wand.

„Du kannst mehr!“ – Typisch Mädchen? Wohl kaum!
Dr. Seyma Kocak: Die Netzwerkerin für Frauen in der Informatik

Was möglich ist, wenn man Chancen ergreift, zeigt Dr. Seyma Kocak eindrucksvoll. Zum Girls’ Day 2026 steht ihr Weg für neue Perspektiven und mehr Sichtbarkeit von Frauen in Informatik und Handwerk.


Dr. Seyma Kocak ist das erste Mitglied ihrer Großfamilie, das studiert. Sie ist eine der ersten Frauen, die sich an der Hochschule Ruhr West (HRW) für das Fach Wirtschaftsinformatik einschreiben. Eine der ersten Frauen, die den Studiengang mit Bachelor und Master abschließen. Und schließlich ist sie die erste Frau, die ihren Doktortitel in diesem Studiengang erwirbt. Trotz mäßiger Schulnoten und mit der alleinerziehenden Betreuung ihres Kindes. Heute arbeitet sie als Projektmanagerin bei einem IT-Unternehmen und ist Gastforscherin an der HRW. Eine herausfordernde Vita mit Happy End.  

„Meine Familie weiß immer noch nicht, was ich so mache“, gesteht Seyma. In ihrer Großfamilie heißt es, sie mache was mit Computern. Sie habe ja schließlich immer einen Laptop dabei. Ihre Tochter Sarah hält sie für Albert Einstein. Schließlich erklärt sie ihr die Matheaufgaben besser als ihr Lehrer. „Wir sollten viel mehr darüber reden, was wir arbeiten. So können wir auch ein Vorbild sein.“ Für Seyma gilt das besonders für die Faszination an naturwissenschaftlichen und technischen Berufen. Den Girls Day, den jährlich für Mädchen stattfindenden Aktionstag zur Berufs- und Studienorientierung in männerdominierten Berufsfeldern, hat sie so schon zweimal als Repräsentantin unterstützt. Sie hat gezeigt, wie man ein KI-Tool zur Bilderkennung programmiert. Seyma hat nicht nur die Technik vermittelt, sondern auch gezeigt: Hey, ich bin eine Frau und ich kann das. Und du kannst das auch. „Die Mädchen sehen mich und denken: Sie hat es geschafft – dann kann ich das auch. Sie können sich mit mir identifizieren.“ Für Seyma ist klar: „Es ist egal, welche Herkunft und Geschichte du hast – nur dein Wille zählt.“

Für sie war es ein langer und fordernder Weg bis zu ihrem Traumjob. Einfach zugefallen ist ihr der Erfolg nicht. Nach dem Realschulabschluss absolviert sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau, arbeitet nach ihrer Heirat in diesem Beruf und führt den Haushalt. Nach einem Jahr schaut sie in den Spiegel und denkt: „Mädchen, du bist mehr.“ Sie entscheidet sich für ein Fachabi. Im ersten Jahr gibt es nur fünfen und sechsen auf dem Zeugnis. Im zweiten besteht sie. In ihrem Umfeld stößt sie mit ihrer Entscheidung zu studieren auf Unverständnis. Wozu, wenn man dann doch wieder im Haushalt landet? Es gibt doch einen Mann, der sie versorgt. Doch Seyma bleibt dabei – sie möchte mehr. Sie möchte unabhängig sein. Und davon abgesehen ist sie sich sicher: „Eine gut ausgebildete Mama, kann auch ihre Kinder besser erziehen.“

Im Informatikstudium an der HRW landet sie auf Umwegen. Für BWL reicht ihr N.C. nicht. Dann eben Wirtschaftsinformatik. MS Office kann sie ja schließlich. In ihrer ersten Vorlesung begrüßt sie ihr Professor mit den Worten: „Herzlich willkommen im indirekten Mathestudium.“ Sie hat nichts verstanden, hat sich durchgekämpft. Für sie gilt: „Ich glaube nicht an Intelligenz, ich glaube an harte Arbeit. Intelligente beenden das Studium vielleicht. Die, die hart arbeiten, beenden es auf jeden Fall. Sie verlieren ihr Ziel nie aus den Augen, weil sie schon so viel dafür tun mussten.“ Während des Studiums wird sie schwanger mit 15 offenen Prüfungen vor sich. Der Abbruch des Studiums steht im Raum. Ihre Hebamme ermutigt sie, ihren Traum weiter zu verfolgen. Die Tochter wird von Seymas Mutter betreut. Und auch von Komiliton:innen. Ja, sogar von Professor:innen. Mit gut zwei Jahren besucht Sarah ihre erste Vorlesung, während Seyma ein wichtiges Paper beendet. Bis zum Bachelor braucht sie fünf Jahre. Danach findet sie keine Stelle. „Eine Frau, mit Kind, mit Migrationshintergrund und ohne Berufserfahrung. Das ist für den Arbeitsmarkt nicht die beste Kombination“, muss sie erkennen. Die HRW sieht ihren Wert und bietet ihr eine Anstellung in Teilzeit an unter der Voraussetzung, dass Seyma ihren Master macht. Dann schließlich das Angebot zur Promotion. Und heute ist sie promovierte Projektmanagerin.

Rückblickend staunt sie selbst über ihren Weg. „Ich wollte es unbedingt schaffen. Und das wurde mit massiver Unterstützung belohnt.“ Sich Verbündete zu suchen, sieht sie als extrem wichtig an. So hat Seyma beispielsweise von HERWINGS profitiert, dem HRW-internen Netzwerk- und Mentoringprogramm für Frauen. Die Teilnehmerinnen können jedes Jahr an Workshops und Austausch-Formaten zu ganz unterschiedlichen Themen teilnehmen. Außerdem haben sie einmal im Quartal die Möglichkeit, ein Kleingruppen-Coaching mit Präsidentin Susanne Staude zu erhalten.

 

Umfassende Unterstützung: Angebote für Frauen an der HRW
„HERWINGS ist ein tolles Programm, das es in der Form kein zweites Mal in der deutschen Hochschullandschaft gibt“ sagt Simone Krost, zentrale Gleichstellungsbeauftragte der HRW und gemeinsam mit Präsidentin Susanne Staude Initiatorin des Programms. „Darüber hinaus kann man sich in der zentralen oder dezentralen Gleichstellung oder bei Familienverantwortung auch im Familienbüro beraten lassen. Außerdem haben wir Angebote zu ganz unterschiedlichen Themen im Programm, von Workshops zum Aufbau finanzieller Absicherung und Unabhängigkeit bis zu unserem neuen Format „Frauen bauen“, in dem Studentinnen praktische Skills erlernen können“, so Krost weiter.

Mehr Informationen unter gleichstellung@hs-ruhrwest.de