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Seite: https://www.hochschule-ruhr-west.de//forschung/forschungsschwerpunkte/kuenstliche-intelligenz-aus-oekonomischer-perspektive/newsletter-visual-intelligence/
Datum: 05.12.2022, 11:32Uhr

Wirtschaftswandel durch Künstliche Intelligenz

Juni 2022

Was ist unter Visual Intelligence zu verstehen und wo findet es Anwendung? Diese Fragen werden wir in dem ersten Teil "Sehen, identifizieren und kreieren" des Newsletters beantworten.

Außerdem berichtet Christian Müller-Roterberg in einem Interview, was unter dem mit Klaus Giebermann gemeinsam durchgeführten Forschungsprojekt "ChatBot Diadibi" zu verstehen ist. Er ist Professor für A-BWL, insb. Technologie- und Innovationsmanagement sowie Entrepeneurship und schildert uns, wie er das Themengebiet der KI in seine Lehre integriert.

Zudem möchten wir auf den Call for Papers der Konferenz "AI in Business and Economics - The Economic Perspective on Artificial Intelligence (EPEAI)" aufmerksam machen.


Sehen, identifizieren und kreieren

René Magritte hat gelabelt: „Das ist kein Apfel“. Damit lag er sogar unweigerlich richtig, denn es handelte sich bei seinem Gemälde um Ölfarben auf Leinwand, aber eben keinen Apfel.
(Link zum Bild: https://www.magrittegallery.com/product-page/ceci-n-est-pas-une-pomme-this-is-not-an-apple

KI-Systeme ticken da anders: Sie unterscheiden nicht zwischen dem Original und dem Abbild. Vielmehr benötigen deren Methoden, die unter Schlagworten wie Visual Intelligence oder Computer Vision zusammengefasst werden, die Abbilder, um zu lernen.

KI-Systeme können zuverlässig Äpfel von Birnen und Kirschen unterscheiden, weil die Abbilder der Realität folgen – noch. Denn der nächste Paradigmenwechsel steht bevor: Dann folgt die Realität den Abbildern.
 

Sehen und identifizieren

Aber der Reihe nach. Am Anfang der Visual Intelligence steht die Aufnahme durch eine Kamera oder der Upload eines Fotos. Im Hintergrund werden die Bilder dann in einzelne Pixel zerlegt und die Beziehungen zwischen den Bildpunkten werden zur Identifikation genutzt. Zum Einsatz kommt diese Fähigkeit heute bei Suchmaschinen und Webshops.

Wir haben es mit dem Dienst Google Lens ausprobiert und ein Foto eines Fahrrads hochgeladen.

Das Fahrrad ist mit zusätzlichem Equipment wie einem Schloss unter dem Unterrohr, einer Oberrohrtasche, Halterungen an der Vordergabel und einer Klingel ausgestattet. Und wie es sich für ein Fahrrad im Alltagseinsatz gehört, ist es auch nicht blankpoliert, sondern zeigt die Spritzer von Schlamm und Straßendreck.

Beim Upload des Fotos bei Google Lens kann der Bereich des Fotos, der für die Suche verwendet werden soll, eingeschränkt werden.

Wird der Suchauftrag gestartet, gibt Google in Bruchteilen von Sekunden die Sucherergebnisse aus. Die Grafik zeigt rechts die ersten sechs Ergebnisse. Überraschung: Es handelt sich dabei nicht nur um Fahrräder eines bestimmten Stils, sondern alle sechs Räder entsprechen sogar der Marke des Rads auf dem Ursprungsfoto (ein Stevens-Bike). Dabei wird sogar dreimal genau dasselbe Modell (Stevens Prestige) angezeigt und wiederum dreimal ein sehr ähnliches Modell. Preisvorschläge und Links zu den Anbietern werden "frei Haus" mitgeliefert.

Wieder zeigt sich, wie sehr KI als Baukasten funktioniert. Mittelständische Unternehmen wie das Möbelhaus Ostermann nutzen die Technologie ebenfalls, damit die Kundinnen und Kunden ihre Wunschmöbel schneller finden. Hier ein Beispiel für die Suche nach einen Schreibtischstuhl:

Durch das Kamera-Symbol in der Suchleiste wird deutlich, dass Ostermann Visual Intelligence in seinem Online Shop eingebaut hat: Ein eigenes Bild oder ein ausgewähltes aus der Galerie reicht, um die Suche zu starten.
 

Kreieren

Ein KI-System lernt, Gegenstände zu unterscheiden, indem es Beziehungen zwischen den Bildpunkten analysiert. Aber die Pixel können nicht nur gelesen, sondern auch verändert werden. So entstehen Manipulationen wie DeepFakes, von denen Plattformen wie TikTok überschwemmt werden. In Zukunft werden Sie auch den neuen Hollywood-Streifen kaufen können, bei denen die Hauptdarsteller nicht mehr die Gesichtszüge von Filmstars, sondern von Ihnen und Ihren Freunden tragen.

Auch im Marketing stehen neue Anwendungen parat: Das Bild der Empfehlung bezieht sich dann nicht mehr nur auf ein bestimmtes Produkt, sondern wird blitzschnell in Form und Farbe den individuellen Wünschen angepasst. Der Kauf löst dann die Produktion aus. Die Realität folgt dem Abbild.

Zusammen mit dem kommenden Mobilfunkstandard 6G werden überall und mobil virtuelle Abbilder der Realität verfügbar, die verändert werden können und auf die Realität zurückwirken. „Virtual-real fusion of Worlds“ (NGNM (2022)) heißt es dazu in einer Studie mit Anwendungsfällen der Industrievereinigung Next Generation Mobile Networks (NGMN). Nicht nur werden in Zukunft netzwerkfähige Kleidungsstücke 24/7 unseren Gesundheitszustand überwachen, sondern es wird auch möglich sein, komplett in der virtuellen Welt Maschinen und Produkte zu planen und zu testen. Der Digitale Zwilling gibt heute schon einen Vorgeschmack darauf.
 

Wirkungen

Die Diskussion, welche Auswirkungen diese Umwälzungen auf die Menschen haben, muss begleitend stattfinden. Die Perspektive hängt, wie immer, vom Standpunkt des Betrachters ab. Auf der einen Seite stehen die Segnungen der Technologie: Bequemlichkeit, Kommunikation, Gesundheit. Auf der anderen Seite stehen Bedenken über ein Leben in digital zusammengesetzten Räumen, die psychologisch, philosophisch, soziologisch oder politisch begründet werden können. 

Aus ökonomischer Sicht gehen wir davon aus, dass visuelle Tools auch in der Unternehmenssteuerung Einzug erhalten werden. Den Prozessweg einer Rechnung werden zukünftige Manager visuell in ihrer Unternehmenswelt nachvollziehen können, auch wenn die Papiervariante schon lange abgeschafft ist. Zuerst werden sich die neuen Möglichkeiten im Marketing zeigen, das individualisierter und visualisierter wird. Möglicherweise wird es sogar einfacher, wenn für Empfehlungsvorschläge keine Nutzerdaten und Erfahrungshistorien mehr gesammelt werden müssen, da die Produktvorschläge auf hochgeladenen Fotos basieren. Die Generation PowerPoint wird hinzulernen müssen, um mit Visual Intelligence im Berufsleben zu bestehen.

Bei aller Verschmelzung wird es auch für den visuellen Menschen wichtig sein, weiterhin zwischen der virtuellen und realen Welt zu unterscheiden. Denn unser Körper, an den wir als Mensch gebunden sind, lebt nur in der realen Welt. Und dabei wird uns Magritte helfen, denn es war wirklich nur eine Leinwand - und kein Apfel.


KI an der HRW

 

Die Hochschule Ruhr West wird über den Forschungsschwerpunkt "KI aus ökonomischer Perspektive" die Entwicklung begleiten. Dazu tragen viele Kolleginnen und Kollegen bei. Um ein aktuelles Projekt geht es in dem Interview.

Prof. Dr. Christian Müller-Roterberg

ist Professor für A-BWL, insb. Technologie- und Innovationsmanagement sowie Entrepreneurship und Studiengangsleiter der BWL-Masterstudiengänge. Kürzlich haben er und Klaus Giebermann für ihr Forschungsprojekt "ChatBot Diadibi" Drittmittel in Höhe von 290.000€ eingeworben.

Redaktion: Herr Müller-Roterberg, im Januar 2022 ist das Forschungsprojekt „ChatBot Diadibi“ von Ihnen und Klaus Giebermann gestartet. Was steckt denn hinter dieser Abkürzung und was soll das System können, wenn es komplett fertig ist?

Christian Müller-Roterberg: Diadibi ist ein Akronym, das für »DIgital Assistant for Developing and Improving Business & Innovation Skills« steht. Das Ziel dieses Projekte ist es, einen regelbasierten Chatbot zu entwickeln, der den individuellen Selbstlernprozess von Personen bei der Vermittlung von Future Skills sowie bei der Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen unterstützt. Der ChatBot Diadibi simuliert einen Personal-Coach, der in einem virtuellen Gespräch durch gezielte Fragen und Hinweise die unternehmerischen Kompetenzen des Nutzers stärkt. Zielgruppe sind zunächst Studierende aller Fachrichtungen aber auch andere Hochschulangehörige sowie natürlich der Einsatz in der Praxis. Den Bereich des Corporate Learnings haben wir als besonders attraktives Anwendungsfeld identifiziert.

Redaktion: Ersetzt oder ergänzt es die Kommunikation mit echten Menschen?

Christian Müller-Roterberg: Zurzeit ist es eine Ergänzung, die letztlich nur einen anderen Zugang zur Kompetenzvermittlung darstellt. Aktuell erfolgt der Dialog noch ausschließlich per Auswahloptionen, das ist auch zunächst völlig ausreichend. Aus den Rückmeldungen von Praxisvertretern hat sich die Wissensvermittlung über einen Chatbot zum Thema Future-Skills als besonders interessant gezeigt. Insofern setzen wir jetzt hier den Fokus und dafür ist ein regelbasierter Chatbot die zurzeit beste Lösung. Später sollen Elemente aus dem Natural Language Understanding (NLU) integriert werden, um einen natürlichen Gesprächsfluss zu erreichen.

Redaktion: In der Lehre sind Sie im Bereich Technologie- und Innovationsmanagement sowie Entrepreneurship tätig. Wie integrieren Sie das Themengebiet (der Künstlichen Intelligenz) in Ihre Lehre?

Christian Müller-Roterberg:
Für den Bereich Technologie- und Innovationsmanagement ist die Frage interessant, wie dieser technologische Ansatz zu neuen Produkten, Verfahren, Dienstleistungen und ganzen Geschäftsmodellen führen könnte. Künstliche Intelligenz lässt sich in sehr verschiedenen Anwendungsbereichen einsetzen, um den Menschen zu unterstützen. In der Lehre ist es mir wichtig zu betonen, dass man den Einsatz von künstlicher Intelligenz aus der Anwender-/Kundensicht denkt. Welches Problem oder welches Bedürfnis aus Kundensicht könnte ich mit welcher Art von künstlicher Intelligenz aufgreifen und wie kann ich daraus ein marktfähiges Produkt entwickeln. Genau diese Frage können von Studierenden in Projektarbeiten im Bereich Technologie- und Innovationsmanagement bzw. Entrepreneurship aufgegriffen werden, entweder für ein Konzept zu einer Geschäftsmodell-Innovation oder in Form eines Businessplans für ein Startup im Bereich KI.

Redaktion: ChatBot Diadibi“ mal 30 Jahre weitergedacht, beispielsweise mit Hologrammen anstatt mit Textnachrichten: Glauben Sie, dass dann ein Prof. im Hörsaal überhaupt noch notwendig sein wird?

Christian Müller-Roterberg:
Ich spreche selbst gerne davon, dass es die Vision unseres Forschungsprojektes ist, dass Diadibi mich als Hochschullehrer und Gründungsberater arbeitslos macht. Wir überschätzen gerne technologische Entwicklungen, die in den nächsten paar Jahren stattfinden, aber wir unterschätzen die Veränderungspotenziale, die sich aus diesen Technologien in den nächsten zehn Jahren ergeben. Die reine Wissensvermittlung und ein System, das jederzeit, an jedem Ort über jedes Kommunikationsmedium abrufbar ist, kann die Lehre unterstützen. Ja, vielleicht kann in zehn Jahren eine Lehrperson im Hörsaal tatsächlich durch einen Avatar ersetzt werden. Die zwischenmenschlichen Interaktionen, die mehr sind als die reine Wissensvermittlung, bleiben vermutlich aber noch längere Zeit bestehen.

Redaktion: Dann noch viel Erfolg mit der Weiterentwicklung der Chatbots und herzlichen Dank für das Interview.


Veröffentlichung Call for Papers


Für die am 06.-07. März 2023 stattfindenden Konferenz "AI in Business and Economics - The Economic Perspective of Artificial Intelligence (EPEAI)" wurde das Call for Papers (CfP) veröffentlicht.
Einreichungsfrist für die Abstracts ist der 30. September 2022. Weitere Informationen finden Sie in dem CfP oder auf der Konferenz-Website: https://epe.ai/.
Bei Fragen wenden Sie sich gerne an das Programm- und Organisationskomitee: info@epe.ai.


Weitere Literatur zum Thema Vision Intelligence


BSI

(Hrsg.) (2022): Deepfakes - Gefahren und Gegenmaßnahmen, URL: www.bsi.bund.de/DE/Themen/Unternehmen-und-Organisationen/Informationen-und-Empfehlungen/Kuenstliche-Intelligenz/Deepfakes/deepfakes_node.html.


NGNM

(Hrsg.) (2022): 6G Use cases and analysis, URL: www.ngmn.org/wp-content/uploads/220222-NGMN-6G-Use-Cases-and-Analysis-1.pdf.


Paaß

, Gerhard/ Hecker, Dirk (2020): Künstliche Intelligenz - Was steckt hinter der Technologie der Zukunft?, Springer Vieweg, Wiesbaden. DOI: doi.org/10.1007/978-3-658-30211-5.


van Rinsum

, Helmut (2022): Visual Intelligence macht Online-Shopping menschlicher. URL: ki-marketing.com/visual-intelligence-macht-online-shopping-menschlicher/.


Vielen herzlichen Dank für Ihr Interesse und bis zur nächsten Ausgabe.

Für Feedback erreichen Sie uns per Mail unter ki-oekonom hs-ruhrwest "«@&.de

Forschungsschwerpunkt "KI aus ökonomischer Perspektive"


Hochschule Ruhr West
Duisburger Straße 100
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Redaktionell verantwortlich gem. § 18 Absatz 2 des Medienstaatsvertrags (MStV):
Prof. Dr. Isabel Lausberg
Prof. Dr. Michael Vogelsang
Joshua Zander
Forschungsschwerpunkt "KI aus ökonomischer Perspekitve"
Telefon: 0208 882 54-100
ki-oekonom@hs-ruhrwest.de

Bildnachweise:

Foto Fahrrad: Joshau Zander
Screenshot Google Lens "Fahrrad": Joshua Zander
Screenshot Google Lens "Suchvorschläge": Joshua Zander
Screenshot Online Shop Ostermann: Joshua Zander
Portrait Christian Müller-Roterberg: henning:photographie
Chatbot: satheeshsankaran / Pixabay