Olaf Brinkmann:
Der hrw-Podcast der Wissenschaft. In dieser Folge Produkte zu Ende denken. Das ist zirkuläre Wertschöpfung mit Svenja Grauel.
Hallo und herzlich willkommen. Wie schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt und bei unserer neuen Podcast-Folge dabei seid. Ich muss sagen, ich habe jede Menge spannende Dinge bisher erfahren.
Prof. Dr. Michael Schäfer hat mich ja zu Beginn mit in sein FabLab genommen, wo neue Produkte entstehen. Prof. Dr. Johannes Josiphides hat mir alles über einen klugen Handschuh und einen Roboteranzug erzählt. Und heute geht es um etwas, das jeden von uns beschäftigt, nämlich Dinge, die wir nicht mehr brauchen.
Was passiert damit? Landen sie auf dem Müll oder werden sie wiederverwertet? Beispiel Elektrogeräte, Fernseher, Radios, Handys. Was passiert damit, wenn sie kaputt sind? Oder wir sie einfach nicht mehr brauchen, weil wir ein neueres, ein besseres Gerät haben möchten?
Im Moment werden viele Rohstoffe nicht noch mal genutzt, aber das gehört vielleicht irgendwann der Vergangenheit an. Dafür jedenfalls wollen Forscher der hrw zusammen mit Firmen in der Region sorgen.
Wie das geht, das erklärt uns jetzt gleich Svenja Grauel. Sie weiß jede Menge über zirkuläre Wertschöpfung. Klingt kompliziert, ist es aber nicht.
Es geht darum, schon bei der Produktion neuer Produkte darüber nachzudenken, was später einmal aus ihnen werden wird, wenn man sie nicht mehr braucht. Svenja Grauel ist die Projektleiterin von ProsperKolleg. Ich frage sie gleich, was ist das? Jetzt sage ich aber erst mal Hallo, Frau Grauel.
Schön, dass Sie heute hier bei uns sind.
Svenja Grauel:
Hallo, Herr Brinkmann. Vielen Dank, dass ich dabei sein darf.
Olaf Brinkmann:
Bevor wir loslegen, eine Frage vorab. Wie wollen wir es machen? Sie oder du?
Svenja Grauel:
Sehr gerne du. Das ist bei uns auch im Projektteam üblich.
Olaf Brinkmann:
Super. Ich bin der Olaf. Hallo, Svenja.
Svenja, du bist seit Oktober 2019 an der hrw. Kannst du bitte mal ganz kurz erzählen, was machst du da?
Svenja Grauel:
Ich leite das Forschungsprojekt ProsperKolleg. Das ist ein Forschungsprojekt, das sich mit der Transformationsforschung hin zur zirkulären Wertschöpfung beschäftigt.
Und das ist ein Projekt, das komplett aus Drittmitteln finanziert wird, und zwar durch das Wirtschaftsministerium des Landes NRW, mit dem Ziel, die Wirtschaft in der Region Emscher-Lippe, aber auch darüber hinaus in NRW besser, im Sinne von Nachhaltigkeit, aber vielleicht auch etwas mehr, aufzustellen.
Olaf Brinkmann:
Svenja, Transformationsforschung, zirkuläre Wertschöpfung klingt alles ganz kompliziert. Und wer nicht täglich damit zu tun hat, für den der Hinweis, keine Sorge. Das erklären wir gleich alles noch.
Jetzt interessiert mich erst mal, wie bist du denn überhaupt zur Hochschule gekommen?
Svenja Grauel:
Ich bin Ingenieurin. Ich bin nach dem Studium vor einigen Jahren nach Stuttgart gegangen und habe dann eine lange Zeit in der Wirtschaft gearbeitet, in der freien Wirtschaft, in der Halbleiterindustrie.
Ich habe mich dort auch als Projektleiterin betätigt und Projekte geleitet, die Entwicklung betrafen. Zum Beispiel haben wir Chips entwickelt für Smartphones.
Dann habe ich mir überlegt, dass ich etwas anderes machen möchte. Etwas, das einen Mehrwert hat, nicht nur für das Unternehmen, bei dem ich arbeite, sondern für eine größere Region an Unternehmen.
Ich habe viel Potenzial innerhalb eines Unternehmens gesehen, was man verbessern könnte. Und ich hatte den Wunsch, das innerhalb der Forschung größer aufzusetzen.
Dann bin ich durch Recherche, weil ich auch sehr persönlich am Ruhrgebiet hänge, auf das Projekt ProsperKolleg gestoßen. Ich habe mich mit dem Konzept zirkuläre Wertschöpfung auseinandergesetzt, bin auf das Projekt gestoßen, auf die Stellenanzeige und tatsächlich auch erst dann auf die Hochschule.
Die war mir noch nicht bekannt. Ich glaube, die wurde gegründet, als ich fast mit dem Studium fertig war.
Olaf Brinkmann:
Das ist ja noch sehr jung.
Svenja Grauel:
Ja. Ich habe sie dann gefunden und mich direkt verliebt in das Projekt und auch die Leute in der Region Emscher-Lippe.
Olaf Brinkmann:
Ich arbeite heute am Mikrofon und spreche ganz viel. Als ich klein war, da hatte ich andere Pläne. Wie war es bei dir? Wolltest du an eine Hochschule schon immer?
Svenja Grauel:
Nein, das hatte ich nicht auf dem Schirm. Ich hatte sehr viele Berufswünsche. In meiner Jugend war ich sehr aktiv als Segelfliegerin und habe mir dann vorgestellt, dass ich irgendwann Hubschrauberpilotin werde.
Dann kam irgendwann der rationale Gedanke dazu, dass ich auch etwas tun möchte, was wirtschaftlich gut passt. Ich habe mich dann entschieden, in die Technik einzusteigen. Ich wollte gerne Medizintechnik studieren. Habe ich dann nicht gemacht, aber das waren meine Ziele damals.
Olaf Brinkmann:
Wenn du jetzt ins Büro kommst, was ist dort, damit es wirklich dein Büro ist?
Svenja Grauel:
Meine Kolleginnen und das Team. Die sind in der Umgebung und da fühle ich mich wohl.
Olaf Brinkmann:
Svenja, in unserem Podcast haben wir immer auch das Tool Drei Fragen an. Wir sprechen nicht nur über die spannende Forschung, sondern auch ein bisschen mehr über die Menschen dahinter.
Ich stelle dir jetzt drei Fragen. Antworte einfach ganz spontan.
Svenja Grauel:
Alles klar.
Olaf Brinkmann:
Stell dir vor, du hast drei Wünsche frei. Für was entscheidest du dich?
Svenja Grauel:
Einen Garten, viel Zeit mit meinen Freunden und ein bisschen mehr Zeit zum Lesen.
Olaf Brinkmann:
Welche Kinderbuchfigur war dein ganz persönlicher Held und warum?
Svenja Grauel:
Das ist schwer zu beantworten. Wahrscheinlich kein Kinderbuch, sondern ich denke an Mila Superstar, die Volleyball-Sendung. Weil sie eine sehr starke, selbstbewusste junge Frau darstellte.
Olaf Brinkmann:
Welches Schulfach hast du früher am meisten gehasst?
Svenja Grauel:
Physik. Ich gebe es zu.
Olaf Brinkmann:
Svenja, jetzt starten wir durch. Unsere Hörerinnen und Hörer sind sicher schon ganz gespannt. Kannst du bitte kurz erklären, was ProsperKolleg ist?
Svenja Grauel:
ProsperKolleg ist ein Forschungsprojekt. Es wird gefördert vom Wirtschaftsministerium. Wir beschäftigen uns mit dem Grundgedanken der nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft.
Aber es geht nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um kluge und innovative Entwicklungen. Wir möchten die Wirtschaft nicht stoppen, sondern sie idealerweise von der Ressourcenentnahme aus der Natur entkoppeln und so gestalten, dass sie innerhalb der planetaren Grenzen keine negativen Auswirkungen hat.
Olaf Brinkmann:
Zirkuläre Wertschöpfung haben wir schon angesprochen. Was ist das genau?
Svenja Grauel:
Das ist eine Strategie, wie man zu nachhaltigeren Geschäftsmodellen, Produkten oder Prozessen kommt. Es geht darum, Rohstoffe nicht mehr linear in einem Wegwerfmodell zu führen, sondern sie zirkulieren zu lassen, idealerweise so lange wie möglich.
Das heißt, wir brauchen irgendwann gar keine neuen Rohstoffe mehr aus der Natur, sondern nutzen das, was bereits im Kreislauf ist.
Ein Beispiel sind Spielzeuge. Ich habe einen kleinen Neffen, der liebt Bagger. Er hat zu Weihnachten einen Spielzeugbagger aus Kunststoff bekommen. Der wird vielleicht ein halbes Jahr genutzt, danach ist er uninteressant oder kaputt und landet im Müll.
Problematisch ist, dass er unter Umständen unter schlechten Bedingungen hergestellt wurde und nicht dafür ausgelegt ist, lange zu halten.
Zirkuläre Wertschöpfung fragt, wie das Bedürfnis des Kindes bestmöglich erfüllt werden kann. Vielleicht wird der Bagger so hergestellt, dass er zehn oder zwanzig Jahre hält.
Oder er wird nicht verkauft, sondern verliehen. So macht er viele Kinder glücklich. Für den Hersteller bedeutet das eine sichere Einnahmequelle, zum Beispiel über ein Abonnement, und weniger Abfall.
Oder er ist reparierbar oder modular aufgebaut, sodass man ihn umbauen kann, etwa zu einem Flugzeug oder Hubschrauber.
Olaf Brinkmann:
Das klingt ein bisschen nach Lego.
Svenja Grauel:
Genau. Tatsächlich spielen meine Kinder mit Steinen, mit denen ich schon gespielt habe.
Olaf Brinkmann:
Da braucht es viele kluge Köpfe.
Svenja Grauel:
Ja. Das ist sehr komplex und systemisch. Wir arbeiten im Projekt ProsperKolleg gemeinsam mit Unternehmen. Wir erforschen mit ihnen, wie sie ihre Wirtschaft zirkulärer gestalten können.
Wir machen das mit den Unternehmen, nicht für sie. Jedes Unternehmen muss das selbst mitdenken. Wir schaffen die Basis, zum Beispiel durch Qualifizierung, damit klar ist, welche Strategien es gibt und wo Ansatzpunkte liegen.
Olaf Brinkmann:
Für Firmen geht es oft darum, neue Produkte zu verkaufen. Du sagst, verleihen kann auch ein Modell sein. Gibt es weitere Möglichkeiten?
Svenja Grauel:
Ja. Man kann verschiedene Dienstleister einbinden. Es entstehen Marktplätze, zum Beispiel für gebrauchte Kleidung oder für Baustoffe. Baustoffe machen sehr viel Abfall aus.
Es entstehen auch neue Startups. Uns interessiert, wie Innovation entsteht, wenn wir anders denken und das mit digitalen Technologien verknüpfen.
Olaf Brinkmann:
Sind Studierende in die Arbeit eingebunden?
Svenja Grauel:
Ja. Wir sensibilisieren sowohl Unternehmen als auch Studierende. Es gibt Programme zur zirkulären Wertschöpfung und ein Zukunftssemester, in dem Grundlagen vermittelt werden.
Wir glauben, dass das für jede Disziplin relevant ist. Es ist interdisziplinär und bietet später auch Wettbewerbsvorteile im Beruf.
Olaf Brinkmann:
Jetzt wird gespielt. Zitate-Quiz oder Hast du schon mal?
Svenja Grauel:
Hast du schon mal.
Olaf Brinkmann:
Hast du schon mal in einer Klausur gespickt?
Svenja Grauel:
Ja. Im Bachelorstudium habe ich einmal bei meinem Nachbarn abgeguckt, weil er sich besser mit Elektronik auskannte.
Olaf Brinkmann:
Hast du schon mal jemanden versetzt?
Svenja Grauel:
Ja, viel zu häufig. Das passiert, wenn etwas dazwischenkommt oder man etwas verspricht, das man nicht halten kann.
Olaf Brinkmann:
Hast du dir schon mal selbst die Haare geschnitten?
Svenja Grauel:
Nein. Noch nie.
Olaf Brinkmann:
Jetzt noch ein paar Sätze zum Ergänzen. Forschen an der HRW ist wie?
Svenja Grauel:
Aufregend und Teamarbeit.
Olaf Brinkmann:
Die HRW ist eine Hochschule der Chancen, weil?
Svenja Grauel:
Weil sie in Bottrop und Mülheim ansässig ist und dort viel Potenzial hebt und die richtigen Leute zusammenbringt.
Olaf Brinkmann:
Was magst du besonders an der HRW?
Svenja Grauel:
Die Nähe zwischen den Mitarbeitenden, den Kolleginnen und Kollegen und auch die Nähe zu den Professorinnen und Professoren.
Olaf Brinkmann:
Svenja, vielen Dank, dass du uns so viel über deine Arbeit und über dich erzählt hast.
Beim nächsten Mal ist Prof. Dr. Marc Oehlmann zu Gast. Es geht um Wasser.
Danke, Svenja, dass du dabei warst.
Svenja Grauel:
Vielen Dank, Olaf.
Olaf Brinkmann:
Liebe Hörerinnen und Hörer, wenn euch unser Podcast gefallen hat, macht andere gern darauf aufmerksam. Teilt ihn mit Kolleginnen, Kommilitonen, Familie oder Freunden.
Lasst uns gern bei iTunes eine Bewertung da. Dafür und fürs Einschalten sagen wir Danke.
Habt eine gute Zeit. Bis zum nächsten Mal. Euer Olaf Brinkmann.