Der hrw Podcast der Wissenschaft. In dieser Folge abstrakte Mathematik für die Praxis. Das ist Marta.
Olaf Brinkmann:
Hallo und herzlich willkommen. Ich freue mich, dass ihr wieder eingeschaltet habt beim hrw Podcast der Wissenschaft. Mein Name ist Olaf Brinkmann und für viele ist Mathematik ja ein Buch mit sieben Siegeln oder vielleicht einfach auch total langweilig. Dass das aber auch anders sein kann, das werdet ihr heute hören.
Ich habe nämlich einen Gast, bei dem das Herz richtig höher schlägt, wenn es um Zahlen und Formeln geht. Ich spreche gleich mit Professor Dr. Miriam Primbs.
Sie wird uns vom neuen Forschungsschwerpunkt der hrw erzählen. Er heißt Marta. Für was diese Abkürzung steht, das verrät sie uns gleich.
Jetzt sage ich erst mal Hallo, Frau Dr. Primbs. Schön, dass Sie heute da sind.
Professor Dr. Miriam Primbs:
Ja hallo. Ich freue mich auch da zu sein.
Olaf Brinkmann:
Zu Beginn wie immer die Frage. Wollen wir Sie oder du sagen?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Wir können gerne du sagen.
Olaf Brinkmann:
Okay, Miriam. Ich bin der Olaf. Miriam, du kennst unseren Podcast ja schon und weißt, dass wir am Anfang immer erst mal ein Spiel machen, um ein bisschen was über unsere Gäste zu erfahren.
Ich stelle dir jetzt eine Frage und du entscheidest zwischen zwei Antworten. Okay?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Okay.
Olaf Brinkmann:
Kinofilm, Liebesfilm oder Thriller?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Thriller.
Olaf Brinkmann:
Blumen, Rosen oder Gerbera?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Gerbera, eindeutig.
Olaf Brinkmann:
Radfahren, treten oder E Motor?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Beides.
Olaf Brinkmann:
Sonntagnachmittag auf die Couch oder in die Natur?
Professor Dr. Miriam Primbs:
In die Natur.
Olaf Brinkmann:
Miriam, ich habe ein bisschen recherchiert. Nach deiner Promotion hast du erst mal eine Reise auf einem Segelschiff gemacht. Wie lange und warum?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Das waren sieben, acht Monate und ich glaube, das war so eine Mischung aus Wunsch nach persönlicher Auszeit, ein bisschen Abenteuer.
Das mit auch Joberfahrung zu verbinden. Ich habe da gearbeitet auf dem Schiff als Lehrerin. Ja, so eine Mischung aus Selbstfindung und konstruktiver Freizeitgestaltung.
Olaf Brinkmann:
Wo wart ihr am Ende?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Also durch den Nord Ostsee Kanal, durch die Biscaya, bis Teneriffa, dann über den Atlantik, Martinique, die gesamte Küste runter und dann quasi über Bermuda, Azoren, Hamburg wieder zurück.
Also eine sehr große Runde. Kuba war auch noch dabei.
Also ich müsste jetzt ein bisschen länger ausholen, aber ich glaube, das fasst die Runde ganz gut zusammen.
Olaf Brinkmann:
Jetzt haben wir alle Fernweh.
Professor Dr. Miriam Primbs:
Ja, ich auch.
Olaf Brinkmann:
Danach ging es nach Italien und dort hast du dich mit Wavelet Intervallbasen beschäftigt. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was das ist. Kannst du es mir mal erklären als Laien?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Das ist tatsächlich nicht ganz so einfach zu erklären.
Also es war schon Thema in meiner Promotion, also in meiner Doktorarbeit, die ich vorher schon beendet hatte und ich wollte dort in der Zeit das Thema noch so ein bisschen ausschöpfen.
Und Wavelet Basen, das sind so kleine Wellen. Das liegt in diesem Wort Wavelet schon drin.
Und man versucht, Funktionen, die man analysieren möchte, darzustellen als Überlagerung von vielen von diesen kleinen Wellen.
Und auf dem Intervall heißt einfach nur, dass die Funktion, die man darstellen will, halt endlich lang ist. Wie zum Beispiel bei einem Foto oder bei einem Datensatz, der aus der Akustik kommt.
Also wenn ich jetzt was aufs Band spreche, dann ist das nur endlich lang. Und wenn ich es analysieren möchte, dann ist das mathematisch ein Datensatz, der sich auf einem Intervall befindet.
Und genau um die Analysemöglichkeiten mit Wavelets auf dem Intervall ging es da.
Olaf Brinkmann:
Jetzt will ich wieder zurück aufs Schiff. An der HRW bist du jetzt Professorin für angewandte Mathematik und Simulation. Seit wann machst du das und wie alt warst du, als du Professorin wurdest?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Ich glaube, es sind elf Jahre.
Und ich war 29, 30, so um den Dreh, vielleicht 31. Ich müsste jetzt genau nachrechnen, aber so um die 30.
Olaf Brinkmann:
Respekt. Und welche Note hattest du in der Schule in Mathe?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Eine Eins.
Olaf Brinkmann:
Ich gehöre zu den Menschen, die jetzt nicht so viel von Mathe verstehen. Und da fehlt mir auch die Faszination. Was fasziniert dich so an diesem Fach?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Ich finde Mathematik unglaublich ästhetisch.
Das heißt, wenn ich Dinge in knappen Formeln zusammenfassen kann, die auch international verständlich sind, weil die Sprache der Mathematik sehr international ist, dann hat das zum einen optisch eine gewisse Ästhetik und auch von der Art der Formulierung her eine gewisse Ästhetik.
Und das finde ich persönlich sehr schön.
Und ich kann natürlich mit mathematischen Methoden alles Mögliche beschreiben, quantisieren, was sich in unserer Umwelt befindet und kann dann auf Basis dieser Quantisierung, dieser Formulierung weitere Analysen treffen, die mir vielleicht auch wieder helfen, Rückschlüsse über meine Umwelt zu erfahren.
Und dieser Ringschluss, den fand ich immer schon ganz faszinierend.
Olaf Brinkmann:
Hast du da mal ein Beispiel aus der Praxis?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Also wenn wir zum Beispiel ein technisches System haben und wir wollen das Verhalten analysieren und wollen Vorhersagen machen, was man in der Simulation sehr häufig hat, dann ist es oft so, dass die Bauteile sehr teuer sind.
Ich kann also nicht hingehen und kann einfach sagen, ich probiere das jetzt mal aus, weil wenn es dann kaputt gehen würde, wäre das ein immenser Schaden.
Wenn ich aber im Vorfeld das Modell so mache, dass das Objekt, was ich beschreiben will, sehr gut beschrieben ist, dann kann ich auch Aussagen machen wie, was würde es tun, wenn, und könnte simulieren, was denn de facto passiert.
Und je genauer das Modell ist, das ich mache, und je besser meine mathematischen Methoden sind oder auch numerischen Methoden, also die Computermethoden, die ich benutze, umso präzisere Vorhersagen werde ich treffen können.
Und muss dann unter Umständen nur einmal überprüfen, ob das stimmt und nicht eine Testreihe fahren, wo ich 10, 100, 1000 oder wie viele Objekte auch immer zerstöre.
Und das hat sicherheitsrelevante Aspekte.
Das hat Aspekte der Finanzierbarkeit, also diverse interessante Aspekte.
Olaf Brinkmann:
Jetzt lass uns mal zu MARTA kommen, dem neuen Forschungsschwerpunkt der HRW. Für was steht diese Abkürzung? Was soll sie signalisieren?
Professor Dr. Miriam Primbs:
MARTA steht für Mathematical Research for Technical Applications, also mathematische Forschung für technische Anwendungen.
Ganz klar, Anwendungen großgeschrieben hier in dem Kontext.
Und MARTA ist jetzt zufälligerweise ein Frauenname. Das ist aber tatsächlich nur zufällig, weil wir halt einen Deckmantel finden mussten für dieses Wortumgetüm, was ich gerade auf Englisch so schön vorgetragen habe.
Und die Worte da drin sind aber ganz klar. Es geht um mathematische Forschung.
Und wir wollen immer einen direkten, starken Anwendungsfokus haben in eine technische Anwendung.
Und technische Anwendung heißt hier Bauteile, die entwickelt werden, Analysen, die in technischen Prozessen benötigt werden.
Also Technik in technische Anwendung ist tatsächlich auch eine Differenzierung gegenüber zum Beispiel wirtschaftswissenschaftlichen Anwendungen.
Die haben wir nicht primär im Fokus, sondern es geht um die Technik.
Olaf Brinkmann:
Ihr wollt auch Anlaufstelle sein für externe Kooperationspartner, also Firmen zum Beispiel. Was ist da denkbar? Was schwebt euch vor?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Also wir haben die Erfahrung gemacht, also wir heißt hier meine Kollegen und ich, insgesamt sieben Kollegen, die beteiligt sind, dass wir von Firmen im Rahmen von Abschlussarbeiten, privaten Kontakten, Ähnlichem oft mit mathematischen Fragen konfrontiert werden.
Und zwar aus dem Grund, dass innerhalb der Firmen vielleicht die mathematischen Kompetenzen nicht vorhanden sind, die Ingenieure einfach andere Kernaufgaben haben und sich nicht so tief in die Mathematik knien möchten.
Und deswegen die mathematischen Methoden von außen dazu buchen, erwerben, in Form von Projekten realisieren wollen.
Und das ist natürlich eines unserer Hauptanliegen, diesen Transfer von mathematischem Know how, der bei uns im Institut sehr geballt vorhanden ist, zur Verfügung zu stellen.
Um dann in Projekten, die in der Wirtschaft stattfinden, bei kleineren Unternehmen, größeren Unternehmen, Abhilfe zu schaffen und in gemeinsamen, fachübergreifenden Projekten diese mathematischen Kenntnisse zur Verfügung zu stellen.
Also ganz platt formuliert, der Ingenieur muss nicht in den Elfenbeinturm, sondern der Mathematiker wird seinen Elfenbeinturm verlassen, um das Werkzeug, mit dem er gut umgehen kann, dem Ingenieur zur Verfügung zu stellen.
Und das ist nicht immer ganz einfach. Man braucht eine gemeinsame Sprache.
Man muss verstehen, was eigentlich der andere möchte.
Und das ist in jedem Projekt so, was man in den verschiedenen Disziplinen hat.
Ich sage jetzt mal ganz klassisch Maschinenbau, Elektrotechnik, aber auch Gesundheitsmedizintechnologien.
Da haben wir diverse Ausrichtungen, die man bedienen könnte.
Nicht ganz einfach, weil der Mathematiker eine sehr prägnante, reduzierte Sprache nimmt und muss sich erst daran gewöhnen, was meint der Ingenieur der jeweiligen Disziplin eigentlich, wenn er gewisse Worte benutzt.
Und mit jedem Projekt mehr, das man macht oder das wir gemacht haben, haben wir natürlich auch diese mathematische, naturwissenschaftliche, ingenieurwissenschaftliche Sprachkompetenz weiter ausgebaut.
Und es geht also nicht nur um die Inhalte, die wir transferieren, sondern auch um die Kommunikation, die diesen Transfer überhaupt erst ermöglicht.
Olaf Brinkmann:
Kommen die Firmen dann auf euch zu oder wie läuft das ab?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Bisher war es so, dass es verstärkt über persönliche Kontakte lief und dann waren das tatsächlich Anfragen.
Also ich selber habe schon diverse Projekte auch mit größeren Firmen abgewickelt und dann waren es persönliche Anfragen.
Manchmal ergibt sich sowas, wenn man Abschlussarbeiten betreut, dass die Firmen merken, da ist eine gewisse Expertise und dann wird was angefragt.
Und wir würden uns natürlich in Zukunft auch ganz klar wünschen, wenn es Firmen hier im näheren Umfeld der Hochschule gibt oder auch weiter entfernt, dass man sich dessen bewusst ist, dass an der HRW ein Anlaufpunkt für solche Fragestellungen vorhanden ist.
Und man könnte zum Beispiel als Koordinatorin mich gezielt ansprechen und ich könnte dann gucken, welcher Kollege hat die dementsprechenden Kompetenzen, würde das passen.
Könnte man über eine gemeinsame Finanzierung auf Basis von Projektgebergeldern nachdenken und so weiter.
Also wenn Interesse bei Firmen besteht und sie uns kontaktieren, würden wir uns sehr freuen.
Olaf Brinkmann:
Miriam, in dieser Podcast Staffel schauen wir auch ganz stark auf den Claim der HRW. Wir haben dafür das Format Never Stop Growing und du.
Bitte antworte ganz kurz und spontan, was dir bei folgenden Fragen einfällt.
Wenn du den Claim Never Stop Growing hörst, woran denkst du als erstes?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Ich denke daran, dass es Spaß machen sollte, sich weiterzuentwickeln.
Und dass, wenn man feststellt, dass man sich nicht mehr weiterentwickelt, man vielleicht auch einfach mal die Richtung oder die Perspektive ändert und dann wieder neue Optionen sieht zu wachsen.
Olaf Brinkmann:
Was braucht eine Professorin wie du, damit sie den Claim leben kann?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Support meiner Hochschule, den ich habe, Kollegen, mit denen ich im Team gut zusammenarbeiten kann und einen Computer.
Olaf Brinkmann:
Wie können Studierende von diesem Claim profitieren?
Professor Dr. Miriam Primbs:
Ich glaube, wenn die Mitarbeitenden an der HRW diesen Claim sich wirklich als Ziel in ihrer Arbeit vornehmen, dass dann automatisch die Studierenden mit davon profitieren werden.
Und durch das Vorleben dieser inneren Haltung, immer nach vorne zu wollen, immer wachsen zu wollen, auch sich immer entwickeln zu wollen, werden Studierende angesteckt.
Und ich habe die Hoffnung, dass sie dann selbst die Motivation entwickeln.
Olaf Brinkmann:
Miriam, bitte vervollständige jetzt noch diese Sätze.
Wachsen zu können bedeutet für mich
Professor Dr. Miriam Primbs:
Freiheit.
Olaf Brinkmann:
Die HRW fördert Wachstum, indem sie
Professor Dr. Miriam Primbs:
Die Rahmenbedingungen dafür schafft.
Olaf Brinkmann:
Und mit Erfolg verbinde ich
Professor Dr. Miriam Primbs:
Freude.
Olaf Brinkmann:
Miriam, ganz lieben Dank, dass du uns die Mathematik näher gebracht hast. Danke für deine spannenden Antworten.
Professor Dr. Miriam Primbs:
Ja danke für die Gelegenheit, hier zu sein.
Olaf Brinkmann:
Wenn ihr, liebe Hörerinnen und Hörer, Miriam mal treffen wollt. Sie lehrt an der HRW in mehreren Studiengängen Mathematik und Simulation.
Sie gehört zum Institut Naturwissenschaften und für den dortigen Studiengang Sicherheitstechnik könnt ihr euch ab Mai bewerben und einschreiben.
Zum Schluss habe ich noch eine Bitte. Helft uns, noch bekannter zu werden, indem ihr unsere Folgen mit Kommilitoninnen und Kommilitonen, Freundinnen und Freunden oder Kolleginnen und Kollegen teilt.
Abonniert uns bitte auch, dann bekommt ihr eine Nachricht auf euer Smartphone, wenn eine neue Podcast Folge da ist.
Jetzt sage ich danke und bis zum nächsten Mal. Euer Olaf.