Der HRW Podcast der Wissenschaft. In dieser Folge: menschzentrierte Technik, Chancen und Grenzen für die Pflege.
Olaf Brinkmann:
Hallo und herzlich willkommen beim HRW Podcast der Wissenschaft.
Mein Name ist Olaf Brinkmann und heute geht es bei uns um die Pflege. Die brauchen viele Menschen in Deutschland, aber der Pflegeberuf ist nicht der beliebteste. Wie Technik da helfen kann, das hören wir heute.
Prof. Dr. Aysegül Dogangün hat Ideen für Assistenzsysteme, die das Pflegepersonal entlasten und Menschen mit Pflegebedarf unterstützen können. Welche das sind, das frage ich sie gleich. Jetzt sage ich erst mal Hallo Frau Prof. Dr. Dogangün, schön, dass Sie da sind.
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Hallo Herr Brinkmann, vielen Dank.
Olaf Brinkmann:
Zu Beginn wie immer die Frage, wollen wir Sie oder Du sagen?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Gerne Du, Olaf.
Olaf Brinkmann:
Aysegül würde ich sagen?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Gerne.
Olaf Brinkmann:
Aysegül, am Anfang spielen wir immer ein kleines Spiel, um unsere Gäste ein klein bisschen besser kennenzulernen.
Ich stelle dir jetzt Fragen und du wählst zwischen zwei Antworten, okay?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Okay.
Olaf Brinkmann:
Kurze Wege, Auto oder Fahrrad?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Auto.
Olaf Brinkmann:
Sonntagnachmittag, Familie oder Hobbys?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Familie.
Olaf Brinkmann:
Im Büro, Tee oder Kaffee?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Kaffee.
Olaf Brinkmann:
Urlaub, Meer oder Berge?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Berge.
Olaf Brinkmann:
Aysegül, du bist seit 2018 Professorin an der HRW und noch nicht mal 40 Jahre alt.
Von außen betrachtet würde ich sagen, das sieht sehr zielstrebig aus. Bist du zielstrebig?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Ja, könnte man sagen, dass ich zielstrebig bin, aber nicht in der Form, dass ich schon immer wusste, dass ich Professorin werden will vor 40. Übrigens ist es nicht mehr sehr lange bis 40.
Aber es hat tatsächlich vorher geklappt. Da gehört natürlich auch viel Zielstrebigkeit dazu, aber man muss natürlich auch gestehen, dass man vielleicht auch ein bisschen Glück haben muss im Leben. Auf dem akademischen Weg muss man sich das vielleicht auch ein bisschen eingestehen.
Olaf Brinkmann:
Ich bin Papa von vier Kindern. Du bist Mama von drei Kindern. Ich weiß, was das bedeutet.
Das ist ziemlich ausfüllend. Erzähl mal, wie bringst du das alles unter einen Hut? Familie, Lehrveranstaltungen, Forschung, Freizeit. Wie funktioniert das?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Ich weiß auch nicht, wie das funktioniert, aber es funktioniert.
Ich bin vom Typ her jemand, der einfach macht. Ich glaube, wenn ich sehr viel überlegen würde, wie es funktionieren könnte, dann würde es hier und da ganz oft scheitern. Ich gucke einfach, dass wir den Tag schaffen und alles, was wir uns vorgenommen haben oder was zu schaffen ist an dem Tag.
Das ist es eigentlich, glaube ich, ohne sich zu viele Gedanken darüber zu machen. Sonst wird man verrückt.
Olaf Brinkmann:
Du sagst einfach machen.
Lass uns mal gucken, was du an der HRW machst. Dein Thema ist die menschzentrierte Technikentwicklung. Was beschäftigt dich da genau?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Eigentlich genau die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik, aber auch viel, wie es den Menschen geht in der Nutzung von Technik.
Demgegenüber steht natürlich auch, wie die Technik auszusehen hat und wie sie ausgestaltet sein sollte, damit man bestimmte Ziele erreicht in der Interaktion oder darin, wie sich Menschen fühlen, wenn sie Technik nutzen.
Im Großen und Ganzen würde man sagen, es ist genau die Schnittstelle Mensch und Technik und wo sie sich begegnen.
Olaf Brinkmann:
Und woher wissen deine Kolleginnen und Kollegen und du, was Menschen brauchen, wenn sie Technik nutzen? Befragt ihr sie? Gibt es Testpersonen? Wie macht ihr das?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Zunächst einmal kommt es immer darauf an, was wir genau für Technologie entwickeln wollen.
Dann gehört natürlich auch dazu, dass wir uns damit beschäftigen, wie Menschen beschaffen sind, wie Menschen denken, fühlen, handeln. Das heißt, dass wir uns auch viel mit psychologischen Themen beschäftigen.
Und ja, du hast vollkommen recht. Wenn es dann darum geht, Technologie zu entwickeln, geht es in der menschenzentrierten Technikentwicklung darum, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ihn zu fragen, was seine Bedürfnisse oder Ziele in der Nutzung einer Technologie in einem Anwendungsfeld sind, in dem wir uns bewegen wollen, und dann die Technologie so zu entwickeln, wie es gewünscht oder erwartet wird.
Dann befragen wir sie, qualitativ oder quantitativ, je nachdem. Das kommt natürlich ganz auf den Anwendungsfall an.
Olaf Brinkmann:
Du wirst im September am HRW Campus Bottrop einen Vortrag halten. Da geht es um Chancen und Grenzen digitaler Assistenzsysteme in der Pflege.
Was wäre denn ein denkbares Assistenzsystem in der Pflege? Arbeitet ihr da gerade an etwas ganz Bestimmtem?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Was diesen Vortrag betrifft oder die Idee zu diesem Vortrag, ist es gar kein konkretes Assistenzsystem.
Ich habe vor über zehn Jahren konkrete Assistenzsysteme für die Pflege entwickelt. In meiner Dissertation auch ein Assistenzsystem für Menschen mit Demenz zum Beispiel, um den Alltag zu Hause lange selbstständig bewältigen zu können. Einen Gedächtnisassistenten habe ich entwickelt.
Streng genommen war es ein Algorithmus zur Erkennung von Alltagsaktivitäten und Abweichungen von Aktivitäten, um dann Erinnerungshilfe und Unterstützung anzubieten.
In den letzten 15 Jahren ist durch verschiedene Ministerien gefördert ganz viel punktuell Forschung gelaufen im Bereich Pflege.
Was mich persönlich ein bisschen frustriert als Forscherin in dem Bereich war und ist, dass wir ganz viele Ideen haben für die Pflegeunterstützung und die Digitalisierung der Pflege, aber wenig Möglichkeiten haben, diese in die Realität der Pflege zu transferieren. Von Finanzierung bis hin zur Ausbildung, die ganze Palette.
Und dieser Vortrag ist ein bisschen dadurch motiviert, dass ich dafür appelliere: Jetzt die ganze Forschung, die in den letzten 15 Jahren betrieben worden ist, lasst uns das transferieren und dafür Strukturen aufstellen und aufbauen.
Olaf Brinkmann:
Hast du vielleicht mal ein konkretes Beispiel, wo Digitalisierung in der Pflege im Anwendungsfall helfen kann?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Beispielsweise hatten wir vor Jahren einen Sensor für Pflegebetten entwickelt, beim Fraunhofer-Institut damals, mit dem wir das Schlafverhalten über die Nacht getrackt haben. Wir konnten sehen, dass bestimmte Personen zu bestimmten Zeiten wach sind, also aus dem Bett aussteigen oder aber durchschlafen.
Und dann gibt es feste Routinen in der Pflege. Und die Frage ist natürlich, wenn Sie jetzt jemanden, der erkennbar fest schläft, durch das Hineinschauen in das Zimmer nachts vielleicht wecken und der dadurch am Morgen neben der Spur ist, ob das pflegerisch gut ist oder vielleicht eher nicht.
Das wäre etwas, wo eine relativ einfache Assistenz unterstützen könnte.
Ein guter Schlaf könnte unter Umständen Stürze am Morgen vermeiden, weil man ein bisschen klarer ist. Oder wenn man erkennt, dass jemand zwei, drei Stunden in der Nacht wach ist, dass das Pflegepersonal auch darüber informiert ist, um da ein konkretes Beispiel zu nennen.
Davon gibt es natürlich sehr viele Beispiele, was in den letzten Jahren entstanden ist.
Ich glaube, dass wir da einen sehr großen Mehrwert schaffen könnten, wenn wir die Struktur dafür hätten.
Wir könnten mit technologischer Hilfe unter Umständen auch Fachfremde schneller einarbeiten und den Job attraktiver machen.
Olaf Brinkmann:
Aber wie genau könnte das durch mehr Digitalisierung attraktiver werden?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Erstmal vielleicht, wenn er auch ein bisschen entlastender ist. Das wäre der Fall, wenn Technologie unterstützt.
Da muss man noch nicht mal groß technikaffin sein, um das gut zu finden.
Dann kommt hinzu, dass die neuen Generationen quasi digitalisiert auf die Welt kommen. Deren Zugang zur Welt ist digital.
Was wir beobachten, ist, dass ein komplett analoger Job nicht wirklich attraktiv ist. Zum Beispiel von der Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung.
Und dadurch würde er aus meiner Einschätzung heraus auch attraktiver werden für die jüngere Generation.
Olaf Brinkmann:
Wo sind die Hürden, mehr Digitalisierung in die Pflege und in den Pflegeberuf zu bringen?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Ich habe vor zwölf oder dreizehn Jahren meine Promotion verteidigt. Da ging es auch um Assistenzsysteme in der Pflege für Menschen mit Demenz.
Heute, Stand heute, freut sich eine Pflegeeinrichtung darüber, digital zu sein, wenn sie flächendeckend WLAN hat.
Und das ist dieser Gap, den wir haben. Von dem, was wir eigentlich können, zu dem, was heute ankommt.
Was sind da Hürden?
Das sind natürlich Finanzierungshürden. Es gibt keine Refinanzierungsstrukturen für Technologie im Pflegewesen.
Das ist das eine.
Das andere ist, dass heute, auch aus der Ausbildung bedingt, noch eine ganze Menge Personen im Pflegeberuf Technologie ablehnen.
Aber das ist aus meiner Perspektive ein geringeres Problem, weil man da Strukturen aufbauen kann, um Hemmschwellen abzubauen.
Ich glaube, die Arbeitgeber kann man relativ gut dafür begeistern, wenn man aufzeigt, was man alles optimieren kann.
Olaf Brinkmann:
Wenn ihr mehr erfahren wollt, liebe Hörerinnen und Hörer, der Vortrag von Aysegül gehört zum Studium Generale.
Los geht es am 21. September um 18 Uhr. Kommt gern vorbei.
Anmelden könnt ihr euch auf unserer Internetseite.
Aysegül, jetzt schauen wir mal auf die Studierenden. Was lernen die bei dir?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Es ist so, dass wir ihnen Methoden beibringen, wie man den Menschen in den Mittelpunkt der Technikentwicklung stellen kann.
Dass sie nicht einfach nur loslegen als Entwicklerinnen und Entwickler, sondern tatsächlich gucken: Wer ist die Zielgruppe? Was sind die Anforderungen?
Wie können wir Methoden der Partizipation einsetzen, sodass zukünftige Nutzerinnen und Nutzer von Anfang an beteiligt sind im Entwicklungsprozess?
Und das sind genau die Skills, die ich versuche, in meinen Lehrveranstaltungen beizubringen.
Auch vermehrt qualitative Methoden, zu fragen und zu verstehen, also hinzuhören und Ideen aufbauend auf dem, was sie heraushören, was die Bedürfnisse sind, aufzubauen oder weiterzuentwickeln.
Olaf Brinkmann:
Aysegül, erst mal vielen Dank für den spannenden Einblick in deine Forschungsarbeit.
Jetzt lass uns mal den Blick richten auf den Claim der Hochschule. Wir haben dafür das Format Never Stop Growing und Du in diesem Podcast.
Ich stelle dir jetzt drei Fragen und du antwortest bitte ganz kurz und spontan, was dir einfällt.
Was bedeutet Never Stop Growing persönlich und privat für dich?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Wie man sieht, ich bin ein religiöser Mensch und es gibt einen Vers im Koran, der mich leitet.
Das heißt so viel wie:
Wenn du mit einer Sache fertig bist, dann steh auf und fang mit der nächsten an.
Und das ist für mich Never Stop Growing.
Mein Leben lang habe ich genau das gelebt. Das beschreibt genau mich.
Olaf Brinkmann:
Wie profitieren Studierende von dem Slogan?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Ich glaube, ich kann für unseren Fachbereich auf jeden Fall sprechen.
Für unseren Fachbereich kann ich sagen, dass wir mit aktuellen Themen in der Technologieentwicklung dazu beitragen, die Ausbildung bei uns an der Hochschule attraktiv zu machen und die Studierenden so zukunftsorientiert mitnehmen können, sich nach vorne bewegen können.
Olaf Brinkmann:
Und was brauchst du als Professorin, damit du dich entwickeln kannst?
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Genau diese Möglichkeit.
Diesen Freiraum brauche ich und den habe ich hier.
Olaf Brinkmann:
Jetzt zum Schluss, Aysegül, vervollständige bitte noch diese Sätze.
Never Stop Growing ist für mich wichtig, weil …
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
… es zu meiner Lebensphilosophie gehört.
Olaf Brinkmann:
Die HRW ist ein Ort, an dem …
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
… ich genau das ausleben kann, zumindest in meiner Forschung und Lehre.
Olaf Brinkmann:
Und an der HRW hat jeder eine Chance da …
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Ich empfinde sie als Hochschule mit offenen Armen.
Olaf Brinkmann:
Aysegül, ganz, ganz lieben Dank für all deine spannenden Antworten.
Prof. Dr. Aysegül Dogangün:
Vielen, vielen lieben Dank.
Olaf Brinkmann:
Ja, danke Aysegül.
Wenn ihr, liebe Hörerinnen und Hörer, Aysegül mal treffen wollt: Sie gehört an der HRW zum Institut Informatik und lehrt menschzentrierte Technikentwicklung.
Über die Studiengänge der Informatik informiert ihr euch am besten auf unserer Internetseite. Dort erfahrt ihr auch, wann ihr euch einschreiben und beginnen könnt.
Jetzt habe ich noch eine Bitte.
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Darüber freuen wir uns sehr.
Jetzt sage ich Tschüss und bis zum nächsten Mal.