Der hrw-Podcast der Wissenschaft. In dieser Folge: Lehre mit hohem Praxisbezug. Professor des Jahres 2023 an der HRW. Olaf Brinkmann: Hallo und herzlich willkommen beim hrw-Podcast der Wissenschaft. Mein Name ist Olaf Brinkmann. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Heute habe ich euch jemand ganz Besonderes mitgebracht. Es ist Prof. Dr. Murat Mola. Er ist Deutschlands Professor des Jahres 2023 in der Kategorie Ingenieurwissenschaften und Informatik. Prof. Dr. Murat Mola lehrt an der HRW seit 2010 und bekommt von seinen Studierenden Bestnoten. Er gehört zum Institut Maschinenbau und ist bekannt für seine Erfolge im Lehrgebiet Six Sigma. Was das ist und wie er den Titel ergattert hat, das erzählt er uns am besten selbst. Er ist heute mein Gast. Ich freue mich. Hallo, Herr Professor Mola. Schön, dass Sie da sind. Prof. Dr. Murat Mola: Hallo. Danke, dass ich dabei sein darf. Olaf Brinkmann: Sehr gerne. Zu Beginn, wie immer die Frage: Wollen wir Sie oder Du sagen? Prof. Dr. Murat Mola: Wir nehmen das Du, weil das Du verbindet, finde ich. Olaf Brinkmann: Sehr schön, Murat. Ich bin der Olaf. Prof. Dr. Murat Mola: Hallo. Olaf Brinkmann: Hallo Olaf. Unsere Hörerinnen und Hörer wollen dich gerne kennenlernen und deswegen machen wir jetzt erst mal ein kleines Spiel. Ich stelle dir einige Fragen und du wählst zwischen zwei Antworten, okay? Prof. Dr. Murat Mola: Jawohl. Olaf Brinkmann: Einkaufen vor Ort oder online? Prof. Dr. Murat Mola: Vor Ort. Olaf Brinkmann: Laufen oder Radfahren? Prof. Dr. Murat Mola: Laufen. Olaf Brinkmann: Sommerurlaub oder Winterurlaub? Prof. Dr. Murat Mola: Beides. Olaf Brinkmann: Wo warst du zuletzt? Prof. Dr. Murat Mola: Wir waren zuletzt in Vietnam und wir reisen sehr gerne. Das ist auch eine Bereicherung fürs Leben, andere Kulturen kennenzulernen. Das ist schon etwas Schönes. Olaf Brinkmann: Welches war das bisher aufregendste Land oder das schönste Land? Prof. Dr. Murat Mola: Relativ unspektakulär. Das war tatsächlich Portugal. Wir waren sechs Wochen mit unserem Wohnmobil in Portugal unterwegs. Die Menschen waren herzlich. Es war noch nicht so überfüllt mit Wohnmobilcampern. Es war wirklich Wildcampen erlaubt. Jetzt leider nicht mehr. Das war ein Vagabundenleben, was sehr gut tat. Olaf Brinkmann: Du stammst ursprünglich aus der Türkei. Wann und wieso bist du nach Deutschland gekommen? Prof. Dr. Murat Mola: Das war im Jahr 1967. Ich war dort gerade ein Jahr alt. Es gab zu der Zeit das Abwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei. Über diesen Weg bin ich mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen und so fing die ganze Story an. Olaf Brinkmann: Du hast die Schule erst mal mit einem Hauptschulabschluss beendet. Heute bist du Deutschlands Professor des Jahres 2023. Wie war da dein Weg? Prof. Dr. Murat Mola: Der Weg war ein bisschen holpriger, umständlicher. Es war im Grunde der klassische zweite Bildungsweg. Nach dem Hauptschulabschluss hat man selbstverständlich kein Abitur. Das habe ich nach meiner Lehre zum Betriebsschlosser nachgeholt. Mit dieser Qualifikation des Fachabiturs war es dann möglich, an der Fachhochschule sein Diplom zu machen und mit dieser Qualifikation auch hinterher die Möglichkeit, an der Universität zu studieren. Olaf Brinkmann: Und der Titel Deutschlands Professor des Jahres. Wer vergibt den Titel und wer entscheidet, wer ihn bekommt? Prof. Dr. Murat Mola: Das Ganze steht unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Koordiniert wird das Ganze von der Unicum Stiftung. Entscheiden tut dann eine ausgewählte Jury aus verschiedenen Professoren von verschiedenen Hochschulen unter der Leitung des ehemaligen Rektors der Universität Duisburg-Essen. Mit einer Mischung aus Menschen aus der Industrie und Menschen aus der Lehre werden die eingegangenen Nominierungen bewertet, sortiert und dann nach bestimmten Kriterien ausgewählt. Olaf Brinkmann: Diese Nominierungen kommen vor allem von den Studierenden. Von denen erhältst du auf deutschsprachigen Bewertungsplattformen auch Bestnoten. Was machst du, was die Studierenden so schätzen? Prof. Dr. Murat Mola: Diese Frage habe ich mir auch wirklich schon mehrmals gestellt. Ich glaube, die Sache ist die, dass ich diese Grundeinstellung habe, dass wenn ich die Studenten dort sehe, ich mich auch immer wieder selbst in diesen Studenten sehe. Wie sie dort kämpfen, wie sie von einem Hörsaal in den anderen hüpfen. Ein Studium ist nicht einfach so abzuhandeln. Ich glaube, diese Verbindung, dass ich mich selbst in den Studenten sehe, sorgt dafür, dass ich vielleicht ein anderes Empfinden habe und dementsprechend vielleicht auch ganz anders mit den Studenten umgehe. Olaf Brinkmann: Was genau machst du da? Kannst du da mal ein Beispiel geben? Prof. Dr. Murat Mola: In erster Linie geht es darum, dass ich tatsächlich versuche, eine maximale persönliche Nähe zu den Studenten zu entwickeln. Einer meiner Standardsätze in der ersten Vorlesung ist unter anderem, dass ich möchte, dass ihr am Ende mindestens so schlau seid wie ich und dann vielleicht darauf aufbaut und das Wissen später weitergebt. Ich rede auch ganz offen über die Schwierigkeiten, die ich hatte, dass ich aus relativ einfachen Familienverhältnissen komme, nicht aus akademischen Verhältnissen. Aber all das ist eben auch kein Grund als Ausrede für die Studenten. Ich glaube, diese persönliche Nähe sorgt dafür, dass sie sich dann auch öffnen. Olaf Brinkmann: Du gehörst zum Institut Maschinenbau und hast als Lehrgebiet Six Sigma. Viele unserer Hörerinnen und Hörer wissen vermutlich nicht, was das ist. Kannst du mal kurz und knapp erklären, was das ist? Prof. Dr. Murat Mola: Im Grunde ist es eine Managementmethodik. Eine sehr anspruchsvolle Managementmethodik, die einer bestimmten Roadmap folgt. Dazu muss man wissen: In der Industrie tauchen immer wieder typische sieben Verschwendungsarten auf. Verschwendung hinsichtlich der Frage, wofür wir Geld ausgeben, obwohl der Kunde dafür eigentlich nicht bezahlt. Diese Methodik ist darauf ausgerichtet, mit sehr anspruchsvollen statistischen und ingenieurmäßigen Werkzeugen diese Verschwendungen aufzudecken und zu minimieren. Das ist so das Prinzip. Es gibt im Grunde fünf Phasen, die abzuarbeiten sind, mit dem Ziel, die sogenannten nicht wertschöpfenden Tätigkeiten zu minimieren. Also all das, wofür der Kunde eigentlich nicht bezahlt. Das dreimalige Anfassen eines Bauteils oder das ewig lange Zusammenschneiden eines Podcasts. Das ist so der Schlüsselpunkt. Sigma ist die Standardabweichung aus der Statistik. Im Grunde eine trockene Geschichte. Six Sigma bedeutet vereinfacht, dass wenn wir einen Six-Sigma-Prozess haben und du zum Beispiel ab heute eine Million Podcasts hintereinander machen müsstest, nur 3,4 Podcasts tatsächlich noch einmal in die Nacharbeit gehen müssten. Olaf Brinkmann: Wir unterhalten uns nach der Aufzeichnung dieses Podcasts über die Millionen Podcasts und was sich optimiert hat. An der HRW gibt es auch eine Six Sigma Transfer Factory über 200 Quadratmeter groß. Was passiert dort? Prof. Dr. Murat Mola: Wir wollen ja keine Theoretiker ausbilden, sondern tatsächlich junge Leute ausbilden, die dann sofort Fuß fassen können in der Industrie. Auf dieser Fläche können wir im Grunde die gesamte Wertschöpfung eines Produktes abbilden. Angefangen von der Hochtemperaturphase, von der Schmelzphase, einfach gesprochen von der Erzgewinnung über den Hochofen, über das Stahlwerk, über die Warmwalzlinie, also Schmieden und Walzen, übers Kaltwalzen bis hin zur Qualitätskontrolle sowie zur Verpackung und Auslieferung. Diesen Prozess abzubilden, das war wirklich eine große Nummer. Da steckte viel Arbeit drin. Das heißt, auf den Punkt gebracht: In dieser Lernfabrik geht es um eine komplette Wertschöpfungskette, die wir realistisch abbilden. Die Studenten müssen von Anfang an versuchen, unter bestimmten Randbedingungen und Kundenansprüchen ein Produkt in der kürzesten Zeit mit der bestmöglichen Qualität auszuliefern. Das war mit ein Grund für diesen Titel Professor des Jahres, weil es das in dieser Form nicht gibt, auch nicht in dieser Tiefgründigkeit. Darauf wollte ich eigentlich hinaus. Lernen in einer Praxisumgebung. Dann ist der Sprung in die andere Praxis nach dem Studium umso leichter. Olaf Brinkmann: Ja klar. Die Studierenden haben es dann ja schon drauf. Was produziert ihr denn da? Prof. Dr. Murat Mola: Aktuell produzieren wir dort ein Produkt, das alle Disziplinen berücksichtigt. Wir suchten ein Produkt, in dem alle Werkstoffe vorkommen, die meisten Produktionsverfahren vorkommen und bei dem auch kundenrelevante Themen wie Lieferzeiten berücksichtigt werden. Das Produkt sollte auch nicht zu kompliziert sein. Wir haben uns entschieden, mit den Studenten gemeinsam Skateboards zu produzieren. Olaf Brinkmann: Klasse. Prof. Dr. Murat Mola: Ein solches Highspeed-Skateboard besteht aus rund 40 Komponenten. Wenn wir diese Teile jetzt auf den Tisch zerlegen würden, hätten alle eine ganz spannende Historie. Die Aluminiumachsen, die wir auch im 3D-Druck oder aus Edelstahl herstellen, werden gegossen und im Druckgussverfahren hergestellt. Das Skateboarddeck besteht aus siebenlagigem Ahornholz, das in einer Laminierpresse laminiert wird. Die Reifen bestehen aus einem bestimmten Polymer, das im Spritzgussverfahren hergestellt wird. Also alles große Disziplinen. Dabei arbeiten wir auch mit den anderen Fachbereichen zusammen. Das heißt, wir können an einem ganz einfachen Produkt im Grunde das komplette Maschinenbaustudium durchspielen. Olaf Brinkmann: Ein Skateboard. Großartig. Du hast auch den sogenannten TAP-Trainer entwickelt. Was ist das? Prof. Dr. Murat Mola: Der TAP-Trainer ist im Grunde ein Baustein in dieser Didaktik. Der Hintergrund war folgender. Als ich in der Hauptschule war und den Sprung zum Fachabitur machen wollte, hat das nicht geklappt. Ich habe mir Nachhilfe genommen und habe dann mit dieser Nachhilfe tatsächlich Bestnoten erreicht. Mit dieser Erkenntnis habe ich mich später noch einmal auseinandergesetzt und bin auf Benjamin Bloom gestoßen. Das ist ein sehr berühmter amerikanischer Lehrpsychologe. Er hat sehr viele empirische Untersuchungen gemacht und festgestellt, dass das Lernziel in einer Gruppe nur von 20 Prozent der Studenten erreicht wird und im Einzelunterricht von 90 Prozent. Das heißt, wie kriegen wir es hin, in einer großen Truppe mit 50 bis 100 Studenten individuell nachzuhelfen und die Jungs und Mädels auf das gleiche Level zu holen? Jeder hat unterschiedliche Startbedingungen. Dieser TAP-Trainer ist im Grunde ein Chatbot. Vielleicht weißt du das noch aus der Schulzeit. Wenn du einen Lehrer in Mathematik etwas gefragt hast, dann hat er in der Regel vielleicht einfach das Gleiche wiederholt. Das darf eben nicht sein. Eine gute Lehrkraft muss in der Lage sein, nicht nur ihr Fach zu beherrschen, sondern auch individuell durch alternative Beispiele dem Gegenüber klarzumachen, wo das Problem liegt, Verständnis zu vermitteln und ihn dann wieder mitzunehmen. Dieser TAP-Trainer ist ursprünglich für die Erwachsenenbildung entstanden und wurde in der Pandemiezeit auch für meine Studenten kostenlos bereitgestellt. Olaf Brinkmann: Murat, lass uns mal auf den Claim der HRW schauen. Der heißt ja Never Stop Growing und wir haben hier im Podcast das Format Never Stop Growing und Du. Dafür stelle ich dir jetzt drei Fragen und du antwortest bitte ganz kurz und spontan, was dir einfällt. Prof. Dr. Murat Mola: Ja bitte. Bin soweit. Olaf Brinkmann: Was kannst du als Professor neben der Lehre tun, damit deine Studierenden wachsen? Prof. Dr. Murat Mola: Als Leitplanke dafür, dass auch in die richtige Richtung gewachsen wird. Olaf Brinkmann: Wie schafft es die HRW, dass hier ein Ort ist, an dem jeder wachsen kann? Prof. Dr. Murat Mola: Durch die Art und Weise, wie sie jetzt auch lebt. Offen für alle Kulturen, offen für neue Dinge, offen für neue Wege. Und da auch ein Lob an das Präsidium, die immer dabei sind, neue Wege zu gehen. Olaf Brinkmann: Und was können die Studierenden tun, um zu wachsen? Prof. Dr. Murat Mola: Maximal neugierig sein. Den Rest übernehmen wir dann als Professoren. Diese Neugier am Leben zu halten, bis es ein Selbstläufer ist und man dann im Grunde nur noch aus dem Off beobachtet, wie sich die jungen Menschen weiterentwickeln. Olaf Brinkmann: Lieber Murat, wir sind am Ende dieser Folge. Ich glaube, ganz viele Lehrende können sich hier und da ein Scheibchen abschneiden oder gleich das komplette Paket. Vielen, vielen Dank für das tolle Gespräch. Prof. Dr. Murat Mola: Dankeschön. Ich danke dir. War sehr schön. Olaf Brinkmann: Liebe Hörerinnen und Hörer, am Ende dieses Podcasts unterstützt uns bitte, indem ihr diesem Podcast ein Herzchen verpasst und ihn teilt. Bestimmt gibt es Kommilitoninnen und Kommilitonen oder Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls gerne reinhören und für die diese oder frühere Folgen spannend sind. Für all das sagen wir Danke. Und jetzt tschüss, bis zum nächsten Mal. Euer Olaf Brinkmann.