Olaf Brinkmann: Ich bin Olaf Brinkmann und wir freuen uns riesig, dass ihr wieder dabei seid. Heute haben wir ein Thema, das Studierende in jedem Seminar und in jeder Vorlesung spüren können, nämlich die Qualität in der Lehre. Wie muss Lehre eigentlich sein, damit das Lernen Spaß macht und wirksam und nachhaltig ist? Ich erinnere mich noch ganz gut an meine eigene Studienzeit. Da war manches einfach super und anderes zäh. Die HRW unterstützt die Lehrenden bei ihren Herausforderungen, und zwar mit einem eigenen Team. Das ist die Hochschuldidaktik und Kristina Kähler gehört dazu. Sie ist heute mein Gast und jetzt sage ich erst mal Hallo, Kristina. Schön, dass du da bist. Kristina Kähler: Hallo Olaf. Olaf Brinkmann: Kristina, aus deiner Erfahrung, wann ist Lehre gut? Was muss sie erfüllen? Kristina Kähler: Das ist die schwierigste Frage direkt zu Beginn dieses Podcasts, würde ich sagen, weil das definieren die Studierenden wahrscheinlich noch mal anders als die Lehrenden. Aber wenn du mich spontan fragst, dann ist Lehre dann gut, wenn sie die Studierenden neugierig macht, wenn man sie zum eigenständigen Lernen, zum kritischen Denken und auch zum Fragenstellen motiviert. Dafür brauchst du gute Ziele in der Lehre. Die Lehrmaterialien müssen gut strukturiert sein und die Lehrperson sollte den Studierenden auch regelmäßig Feedback geben auf die Lernfortschritte. Und ich finde es auch wichtig, andersrum, dass die Studierenden der Lehrperson regelmäßig Feedback geben können. Also gute Lehre heißt für mich auch, immer wieder in gute, konstruktive Gespräche einzutreten, dass die Studierenden im guten Kontakt mit der Lehrperson sind, sich gegenseitig zuhören und dass beide Seiten sich weiterentwickeln und voneinander lernen wollen. Olaf Brinkmann: Und damit das gelingt, gibt es dich und dein Team, die Hochschuldidaktik. Was ist das und was sind da deine Aufgaben? Kristina Kähler: Hochschuldidaktische Teams beschäftigen sich grundsätzlich wissenschaftlich mit allen Aspekten des Lehrens und Lernens. Da gehört auch dazu, dass wir uns auf Tagungen zeigen, dass wir selber mit Beiträgen auf Konferenzen gehen, weil wir so am Puls der Zeit bleiben müssen. Was ist denn gerade wissenschaftlich gesehen ein neuer Trend? Wo entstehen neue Ideen für die Lehre der Zukunft? Runtergebrochen heißt das bei uns an der HRW, wir begleiten die Lehrenden dabei, wenn sie ihre Lehre oder ihre Prüfung weiterentwickeln oder neu gestalten wollen. Oder auch, wenn sie vor Herausforderungen stehen, die sie alleine nicht bewältigen können. Und grundsätzlich geht unsere Arbeit dem Thema Gestaltungsprinzipien von kompetenzorientierter Lehre nach. Also wie können wir die Lehrenden dabei unterstützen, dass sie gute kompetenzorientierte Lehre machen? Gerade an Fachhochschulen ist auch das Thema Rolle und Rollenfindung wichtig, weil wir mit den neu berufenen Professorinnen und Professoren eine Zielgruppe haben, um die ich mich hauptsächlich kümmere. Das ist mein Herzensstück. Die kommen aus einer völlig anderen Welt an die Hochschule. Das ist ein krasser Systemwechsel für die meisten, sodass häufig erst mal die fachliche Expertise im Vordergrund steht, weil kaum jemand eine pädagogische Ausbildung hat. Deshalb begleite ich die Neuberufenen viel beim Start in die Lehre, kümmere mich um unsere Lehrkonzept-Auszeichnung und unterstütze Lehrende beim Thema studentisches Feedback einholen. Olaf Brinkmann: Du hast schon ein Stichwort genannt, kompetenzorientierte Lehre. Das klingt ein bisschen sperrig. Kannst du das erklären? Hast du Beispiele? Kristina Kähler: Ich probiere es mal. Kompetenzorientierung würde ich als handlungsleitendes Motiv bei der Gestaltung von Lehre, Prüfungen und Studiengängen beschreiben. Es geht darum, zu schauen, was am Ende herauskommt. Also welche Kompetenzen, was wissen und was können die Studierenden am Ende des Studiums? Damit sind fachliche und überfachliche Kompetenzen gemeint. Früher hat man von Schlüsselkompetenzen gesprochen, heute eher von Future Skills, weil die Studierenden in einer Welt handlungsfähig sein sollen, die wir uns vielleicht noch gar nicht vorstellen können. Sie sollen in unbekannten Situationen mit unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Kontexten ihr theoretisches Wissen anwenden und zu kreativen Lösungen kommen können. Das ist die Aufgabe der Hochschule. Ein Beispiel wäre, den Studierenden neben dem theoretischen Wissen auch Lerngelegenheiten über reale Projekte mit Firmen anzubieten. Dass Studierende in Teams einen Businessplan erstellen, dabei soziale Kompetenzen erlernen, mit Kunden umgehen oder im Team mit Konflikten umgehen und arbeitsfähig werden. Olaf Brinkmann: Wir bleiben bei den Neuberufenen. Was brauchen die, um von Beginn an gut mit den Studierenden arbeiten zu können? Kristina Kähler: Im ersten Jahr ist Zeit ein ganz wichtiger Faktor. Sie brauchen Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen, die Studierenden kennenzulernen und sich selbst kennenzulernen. Ich stehe da vorne und fühle mich anders als vorher. Die Unterstützung im Institut ist wichtig, also der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, um Erfahrungswissen mitzunehmen. Ich stehe ja etwas außerhalb, bin nicht in einem Institut angebunden. Deshalb ist beides wichtig. Ein offenes Ohr außerhalb und viele offene Ohren im eigenen Team. Olaf Brinkmann: Und womit wenden sich die Professorinnen und Professoren an euch? Kristina Kähler: Es gibt Professorinnen und Professoren, die Studiengangsleitungen sind. Die kommen zu uns, wenn es um die Weiterentwicklung von Studiengängen geht. Alle fünf Jahre wird geschaut, ob der Studiengang noch aktuell ist, wie es den Studierenden geht und ob er studierbar ist. Wir beschäftigen uns viel mit Studiengangentwicklungsprozessen. Erfahrene Professorinnen und Professoren möchten sich zunehmend forschend mit ihrer eigenen Lehre beschäftigen. Also wirkt das, was ich mache? Erreiche ich meine Ziele oder gibt es bessere Möglichkeiten? Ein dritter Punkt ist Feedback von Studierenden. Da kommen Lehrende zu uns und fragen, wie sie damit umgehen sollen. Olaf Brinkmann: Und die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie unterstützt ihr die? Kristina Kähler: Coachings bieten wir für alle Lehrenden an. Die können sich jederzeit an uns wenden. Die Personalentwicklung macht auch viel für wissenschaftliche Mitarbeitende, die sich noch orientieren. Wenn eine Leidenschaft für die Lehre da ist, landen sie oft bei uns. Dann begleiten wir erste Lehrerfahrungen, zum Beispiel bei Übungen. Außerdem bieten wir kostenfreie Workshops über ein externes Netzwerk an, das für alle Fachhochschulen in NRW arbeitet. Alle Lehrenden können dort Workshops besuchen. Olaf Brinkmann: Ein tolles Angebot. Ihr geht auch in die Lehrveranstaltungen und hospitiert. Wie läuft das ab? Kristina Kähler: Wir führen ein Vorgespräch. Dabei klären wir, was die Lehrperson über sich oder die Lehrveranstaltung erfahren möchte. Dann besuche ich die Veranstaltung und mache mir Notizen. Es gibt einen Beobachtungsbogen, den wir vorher gemeinsam durchgehen. Wichtig ist, worauf speziell geachtet werden soll. Das bestimmt die Lehrperson. Danach gibt es ein Feedbackgespräch. Wir besprechen, wie ich die Situation erlebt habe und wie sich die Lehrperson gefühlt hat. Das ist immer spannend. Olaf Brinkmann: Und um Feedback geht es auch beim TAP-Verfahren. Was ist das? Kristina Kähler: TAP steht für Teaching Analysis Poll. Das ist ein qualitatives Feedbackverfahren, das Lehrende bei uns buchen können. Wir sprechen vorher darüber, was sie interessiert. Es gibt drei feste Fragen. Was unterstützt dich beim Lernen besonders gut? Was behindert dich? Und welche Verbesserungsvorschläge hast du? Wir versuchen auch, die Selbstreflexion der Studierenden anzustoßen. Was können sie selbst verbessern? Olaf Brinkmann: Jetzt haben wir viel über deine Arbeit gesprochen. Lass uns über dich sprechen. Seit wann bist du an der HRW und wie bist du zur Hochschuldidaktik gekommen? Kristina Kähler: Durch Zufall. Ich habe Germanistik und Geschichte studiert und bin danach in der Pressearbeit gelandet. Später bin ich an meine alte Uni zurückgekehrt. Ein roter Faden war das Thema Kommunikation. Ich war lange selbst in der Lehre tätig und habe mich mit mündlichen Anforderungen im Studium beschäftigt. Lehre ist Kommunikation. Es geht darum, gemeinsam Wissen zu schaffen. Ich habe selbst eine hochschuldidaktische Ausbildung gemacht, fand das spannend und habe dann begonnen, Lehrende zu unterrichten. Zusätzlich habe ich eine Coaching-Ausbildung gemacht. 2018 kam die Stelle in Mülheim. Ich kann gut nachempfinden, wie es ist, zum ersten Mal vor Studierenden zu stehen, weil ich das selbst erlebt habe. Olaf Brinkmann: So bist du in deinem Job gewachsen. Die HRW möchte ein Ort des Wachsens sein. Wie trägst du dazu bei? Kristina Kähler: Ich möchte den Leuten Mut machen, besonders im Bereich der Lehre. Das ist eine spannende Zeit. Es verändert sich viel, und in zehn Jahren wird Lehre anders aussehen. Es gibt Lehrende, die neue Formate ausprobieren wollen. Ich habe Freude daran, wenn jemand Lust hat, Neues zu wagen. Ich möchte Mut machen, vernetzen und den Austausch fördern. Dass Menschen sagen, ich habe etwas ausprobiert. Auch wenn es nicht sofort klappt, weiterzumachen. Olaf Brinkmann: Das wünsche ich dir auch. Kristina, vielen lieben Dank für das spannende Gespräch. Kristina Kähler: Gerne, Olaf. Gerne wieder. Olaf Brinkmann: Wenn ihr mögt, dann hört doch auch mal in unseren Podcast Karriereweg HRW Professur rein. Hier geht es um das Thema, der Professur Leben einzuhauchen. Liebe Hörerinnen und Hörer, das war die vierte Folge von Köpfe der HRW. Wenn euch dieses Format gefällt, dann unterstützt uns bitte. Teilt unsere Folgen, damit noch mehr Menschen einschalten. Ihr könnt diese Episode an Kommilitoninnen oder Kommilitonen senden oder auch an Kolleginnen oder Kollegen. Dafür sage ich danke und ich sage auch danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Euer Olaf Brinkmann.