Olaf Brinkmann: Der HRW-Podcast der Wissenschaft. In dieser Folge: Autonomes Fahren. So klappt es mit der Sicherheit. Hallo und herzlich willkommen beim HRW-Podcast der Wissenschaft. Mein Name ist Olaf Brinkmann. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Wer von euch ist schon mal mit einem autonomen Auto gefahren? Wer weiß, wie es ist, wenn das Lenkrad sich wie von Geisterhand dreht? Prof. Dr. Andreas Braasch kennt das. Bei ihm dreht sich alles um Sicherheit und Zuverlässigkeit. Und das autonome Fahren ist dabei eines seiner Forschungsfelder. Er ist an der HRW Professor am Institut für Naturwissenschaften und lehrt in den Studiengängen Sicherheitstechnik sowie Fahrzeug, Elektronik und Elektromobilität. Und jetzt sage ich erst mal Hallo Andreas. Schön, dass du da bist. Prof. Dr. Andreas Braasch: Hallo Olaf, ich freue mich, dass das Thema dich so interessiert. Olaf Brinkmann: Sehr. Andreas, du weißt, erst mal steigen wir aber mit einem kleinen Spiel ein. Dann können dich unsere Hörerinnen und Hörer auch privat ein bisschen kennenlernen. Ich stelle dir einige Fragen und du wählst zwischen zwei Antworten. Alles wissen oder alles haben? Prof. Dr. Andreas Braasch: Alles wissen. Olaf Brinkmann: Verschollen im Gebirge oder allein auf einer Insel? Prof. Dr. Andreas Braasch: Verschollen im Gebirge. Olaf Brinkmann: Fragen stellen oder Fragen beantworten? Prof. Dr. Andreas Braasch: Fragen beantworten. Olaf Brinkmann: Das finde ich gut. Dann machen wir das jetzt. Andreas, die HRW bietet die Sicherheitstechnik als eigenständigen Studiengang an. Womit beschäftigt ihr euch da? Prof. Dr. Andreas Braasch: Wir beschäftigen uns ganz grundsätzlich mit der Fragestellung, was man eigentlich machen muss, wenn man ein System oder ein Produkt entwickelt, ein technisches System, damit das nachher beim Endkunden sicher und zuverlässig funktioniert. Und das ist vollkommen egal, ob das ein Auto ist, ein Medizinprodukt oder eine Maschine. Das gilt eigentlich für jedes Produkt, das wir nutzen. Wir als Kunden erwarten: Das muss funktionieren und das muss sicher sein. Olaf Brinkmann: Ist denn die Sicherheitstechnik eine alte Disziplin oder etwas, was es einfach immer dringlicher braucht, weil Autos, Züge, Flugzeuge, Maschinen oder auch Roboter immer komplexer beziehungsweise auch vernetzter werden? Prof. Dr. Andreas Braasch: Wir Menschen haben uns schon immer mit Sicherheit beschäftigt. Das sieht man auch durch die kriegerischen Auseinandersetzungen. So etwas hat Technologie auch immer vorangebracht. Die moderne Zuverlässigkeitstechnik hat zum Beispiel ihren Ursprung im Zweiten Weltkrieg. Da sind die Systeme immer komplexer geworden und man hat sich überlegt, wie schafft man es eigentlich, dass diese Systeme gut funktionieren. Das ist so die Stunde der modernen Sicherheits- und Zuverlässigkeitstechnik. Olaf Brinkmann: Woher wisst ihr oder wann wisst ihr, dass es wirklich sicher ist, so ein System? Prof. Dr. Andreas Braasch: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nie. Aber wir haben zwei Ansätze. Wir versuchen auf der einen Seite mit standardisierten Prozessen sicherzustellen, dass man zum Beispiel das, was man sich vorgenommen hat in einer Produktentstehung, auch tatsächlich macht. Dann kann man das Ganze theoretisch auch noch berechnen. Man kann Sachen simulieren. Man kann die Zuverlässigkeit versuchen zu prognostizieren. Und dann kommt hinten raus noch eine sogenannte Erprobung, wo die Systeme auch auf den Prüfstand kommen. Im wahrsten Sinne des Wortes auf den Prüfstand, aber natürlich auch auf die Straße oder auf die Schiene oder in die Luft. Bevor so ein System dann auf dem Markt bereitgestellt wird, hat man es auf der einen Seite theoretisch sicher gemacht und natürlich auch praktisch erprobt. Olaf Brinkmann: Also zum Beispiel der klassische Crash-Test. Prof. Dr. Andreas Braasch: Genau, der klassische Crash-Test. Das wäre jetzt etwas, was mit der Struktur des Fahrzeugs zu tun hat. Wir beschäftigen uns mehr mit Elektronik und Software im Fahrzeug. Also klassisch mit Fahrerassistenzsystemen. Oder wenn wir irgendwann über das autonome Fahren sprechen, dann eben mit Systemen, die uns als Mensch, als Fahrerinnen und Fahrer, immer mehr die Verantwortung abnehmen. Wenn ich mich in so ein Auto reinsetze, erwarte ich natürlich auch, dass das gut funktioniert und das Auto nicht auf einmal digital in die Leitplanke abbiegt und ich geschädigt werde. Und diese Systeme müssen natürlich auch erprobt werden. Olaf Brinkmann: Sind das auch schon die heutigen Herausforderungen der Automobilindustrie? Und was ist vielleicht die Herausforderung in der Zukunft? Prof. Dr. Andreas Braasch: Die aktuelle Herausforderung ist sicherlich dieser Schritt von: Der Fahrer oder die Fahrerin hat die Verantwortung für die Fahraufgabe, hin zu: Eine Maschine übernimmt jetzt die Entscheidungen. Dass wir uns als Gesellschaft damit auseinandersetzen müssen, dass zukünftig auch eine Maschine dafür zuständig sein kann, dass ein Unfall passiert. Passiert heutzutage natürlich auch schon. Auch jetzt kann ein System versagen. Aber wir werden sukzessive mehr technische Verursacher in Fahrsituationen haben. Gleichzeitig werden wir die Unfallzahlen drastisch reduzieren, weil wir den menschlichen Faktor herausnehmen. Ein Sekundenschlaf oder eine Unaufmerksamkeit hat ein technisches System nicht. Wir werden einen Sicherheitszugewinn haben und erkaufen uns das Ganze damit, dass wir durchaus den einen oder anderen technischen Fehler auch mal haben werden. Und damit das möglichst wenige sind, gibt es uns. Und wir kämpfen dagegen. Olaf Brinkmann: Jetzt stelle ich mir das Ganze ziemlich komplex vor. Wie wachsen denn die Studierenden da rein? Prof. Dr. Andreas Braasch: Die fangen wie in jedem Studium natürlich langsam an. Man muss erst mal die Grundlagen schaffen. Das heißt, sie müssen sich mit Mathe beschäftigen. Sie müssen sich mit Elektrotechnik beschäftigen. Sie müssen wissen, wie Softwarequalität im Unternehmen sichergestellt wird. Und dann führen wir sie sukzessive an diese Thematik heran. Wir sind sehr praxisorientiert. Alle meine Kollegen, so wie ich, haben eine Vergangenheit in der Industrie. Ich komme aus der Automobilindustrie. Andere Kollegen kommen aus dem Maschinenbau oder der Bahnindustrie. Wir arbeiten sehr stark projektorientiert. In meinen Lehrveranstaltungen zum Beispiel arbeiten wir immer in anonymisierten kleinen Projekten, die in den letzten Jahren im industriellen Umfeld, in der Automobilindustrie, auch so aufgetreten sind. Olaf Brinkmann: Sicherheit ist ja nicht nur Verkehrssicherheit. Was schaut ihr euch noch an? Prof. Dr. Andreas Braasch: Eigentlich alle technischen Systeme, die das Potenzial haben, eine Gefahr für Leib und Leben zu sein. Wir haben zum Beispiel einen Bereich, der sich mit der Maschinensicherheit beschäftigt. Das ist sehr naheliegend. Da sind wir in Deutschland im Maschinenbau sehr stark. Wir betrachten das Thema Sicherheit auf der Schiene. Wenn mehrere hundert Menschen in einem ICE sitzen und der elektronisch gesteuert wird, dann ist das ein entsprechendes Gefährdungspotenzial. Wir haben natürlich den Automobilbereich. Wir haben die Prozessindustrie. Wir sind da sehr breit aufgestellt, sodass unsere Studierenden später nicht zu sehr in eine Richtung geschubst werden. Sie können sich ganz gut aussuchen, wo sie nachher hingehen möchten. Olaf Brinkmann: Und wenn wir da schon dabei sind, wo genau gehen sie denn hin? Prof. Dr. Andreas Braasch: Die meisten Absolventinnen und Absolventen gehen klassisch in die Entwicklungsabteilungen von Unternehmen. Wenn ich ein technisches Produkt entwickle, brauche ich Leute, die das designen und die Software schreiben. Und wenn es sicherheitsrelevant ist, habe ich Ingenieurinnen und Ingenieure für funktionale Sicherheit. Dorthin gehen etwa 60 bis 70 Prozent unserer Studierenden. Dann haben wir einen nicht unerheblichen Anteil, der zu technischen Überwachungsvereinen geht. TÜV, DEKRA oder ähnliche Organisationen, die solche Entwicklungen noch einmal begutachten und sagen: Das ist tatsächlich sicher. Es gibt auch Unternehmensberatungen, die für Firmen so etwas machen. Man kann aber auch zum Beispiel in die Versicherungsbranche gehen. Einer meiner Bereiche ist das Thema Haftungs- und Gewährleistungsmanagement. Die Fragestellung lautet: Wenn doch etwas passiert ist, woran lag es eigentlich und wer ist eventuell haftbar zu machen? Versicherungskonzerne brauchen auch Expertinnen und Experten, um solche Fälle aufzulösen. Olaf Brinkmann: Jetzt hast du schon ein Thema angesprochen, das ganz wichtig ist. Man hat, je nachdem in welchem Bereich man arbeitet, eine enorme Verantwortung. Wie ist es denn da mit der Haftung, wenn doch mal etwas passiert? Prof. Dr. Andreas Braasch: Die persönliche Haftung eines Arbeitnehmers oder einer Arbeitnehmerin ist zum Glück gesetzlich in Deutschland ganz gut abgefedert. Solange ich nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig handle, trifft mich in der Regel nicht die scharfe Schneide der Juristerei. Aber ich muss mir natürlich immer dessen bewusst sein. Deswegen ist es wichtig, in diesen Bereichen sehr genau zu arbeiten. Haften tun in der Regel die Unternehmen, die diese Produkte am Markt bereitstellen. Und die versichern sich natürlich auch wieder, weil das zum Teil immense Kosten sind, wenn man an Automobilrückrufe denkt. Olaf Brinkmann: Wenn ich jetzt Blut geleckt habe und sage, das klingt super spannend und ich will Sicherheitstechnik an der HRW studieren: Was sollte ich neben dem formalen wie dem Abizeugnis mitbringen? Prof. Dr. Andreas Braasch: Wir Sicherheitstechniker müssen manchmal auch ein bisschen resolut sein. In Entwicklungsprojekten sind wir häufig diejenigen, die auch mal mahnend den Finger heben. Man muss sehr genau sein in der Sicherheitstechnik. Das ist keine larifari Geschichte. Wenn Gefahr für Leib und Leben besteht, muss man sehr genau arbeiten. Und man muss offen sein für neue Dinge. Wir arbeiten immer in Entwicklungs- und Forschungsprojekten. Das heißt, wir arbeiten an der Zukunft. Elektronik, Software, künstliche Intelligenz, neue Antriebsarten, Elektromobilität und so weiter. Da sollte man keine Berührungsängste haben, sondern mit Begeisterung sagen: Toll, dass es da wieder etwas Neues gibt. Wenn man das mitbringt, ist man bei uns sehr gut aufgehoben. Olaf Brinkmann: Das klingt auf jeden Fall sehr spannend. Andreas, vielen Dank erst mal für den Einblick in deine Arbeit. Jetzt lass uns noch auf den Claim der HRW schauen. Der heißt Never Stop Growing. Und dafür haben wir hier im Podcast das Format Never Stop Growing und Du. Ich stelle dir jetzt drei Fragen und du antwortest bitte ganz kurz und spontan. Die HRW ist ein Ort, an dem Wachstum immer möglich sein soll. Wie trägst du dazu bei? Prof. Dr. Andreas Braasch: Ich bin in der Sicherheitstechnik zum Beispiel für das Marketing zuständig und freue mich, wenn wir immer mehr Studierende in unseren Studiengang bekommen. Olaf Brinkmann: Was gibt es dir, wenn du selbst wachsen kannst? Prof. Dr. Andreas Braasch: Eine enorme Zufriedenheit. Olaf Brinkmann: Und wie können Studierende an der HRW wachsen? Prof. Dr. Andreas Braasch: Indem wir ihnen sehr viel Eigenverantwortung geben, sie aber an den richtigen Stellen unterstützen und sie bestärken in den Tätigkeiten, die sie bei uns machen. Olaf Brinkmann: Andreas, wir sind schon am Ende des Podcasts. Vielen herzlichen Dank für das spannende Gespräch. Prof. Dr. Andreas Braasch: Danke dir auch. Olaf Brinkmann: Liebe Hörerinnen und Hörer, ihr wisst ja: Unseren Podcast findet ihr auf allen gängigen Podcastportalen. Ihr unterstützt uns sehr, wenn ihr die Folgen teilt oder uns eine Bewertung oder eine Rezension schenkt. Dann wissen wir, dass der Podcast für euch wertvoll ist und ihr ihn gerne einschaltet. Hört auch gerne in frühere Folgen rein. Jetzt sage ich Tschüss und bis zum nächsten Mal. Euer Olaf Brinkmann.